BREXIT: Wie die Statistik in der Offline-Welt die virtuelle Filterbubble zerstört

Britische Medien am Montag
Britische Medien am Montag
Wochenlang gab es kaum ein anderes Thema in den Medien: Die Briten würden per Referendum über den Verbleib in der EU abstimmen. Mir war auch ohne Nachfrage bei meinen Freunden aus England klar, dass sie Remain wählen würden, in der EU bleiben wollten. In den Tagen vor dem Referendum mehrten sich ihre Posts dazu bei Facebook: Sie lieferten Links zum Thema, baten ihre Freunde, die unentschlossen waren oder für Out votieren wollten, sich damit auseinanderzusetzen, und nicht nur auf stumpfe Parolen rechtsgerichteter Parteien zu hören. Am Morgen nach dem Votum war der Schock groß, bei ihnen, bei mir, bei vielen anderen. Dabei war das Ergebnis knapp: Nur etwas mehr als 50 Prozent der Bevölkerung will austreten, die andre Hälfte bleiben. Kann man da überhaupt von einem Entscheid sprechen? In den Tagen danach verfolgte ich ihre Diskussion mit ihren Freunden bei Facebook: Niemand dort hatte für den Austritt gestimmt. Jetzt fürchten sie um ihre Zukunft und die ihrer Kinder, einige haben bereits gezielte Maßnahmen für eine Auswanderung ergriffen.

Der Zufall führte mich nur drei Tage nach dem Referendum nach London. Mir war ein bisschen unwohl. Wie würde sich das anfühlen? Was würde man von einer gespaltenen Gesellschaft mitbekommen? Vielleicht liegt es an London, dass man einfach nichts vom BREXIT mitbekam: Die britische Hauptstadt ist eine Remain-Insel im Meer der Out-Wähler. Sie ist ein Schmelztiegel der Nationalitäten, und immer voll mit Touristen, die möglicherweise keine Ahnung davon haben, was hier in der vergangenen Woche passiert ist. Nur, wer genauer hinschaute, sah viele Tageszeitungen mit Titelseiten, die an Traueranzeigen erinnerten, wer darin blätterte, konnte seitenweise Artikel zum BREXIT lesen. In den Abendnachrichten sah man im Wesentlichen Kollegen mit Leichenbittermiene, die fast schon flehende Sätze Richtung Deutschland sprachen: Man hoffte, dass Angela Merkel in Brüssel eine längere Bedenkzeit für die britische Regierung herausschlagen könnte.

50 Prozent ist die Hälfte

Auch in London gibt es BREXIT-Befürworter
Auch in London gibt es BREXIT-Befürworter
Trotzdem lautet das Ergebnis: Knapp 50 Prozent für den BREXIT, die andere Hälfte dagegen. Im Klartext bedeutet das: Stehen zwei Briten vor dir, müsste theoretisch einer Out, einer Remain gewählt haben. Doch obwohl ich natürlich das Abstimmungsergebnis kannte, dachte ich irgendwie, ich würde keinen Out-Wählern näher kommen. Dann hat mich die Statistik eingeholt: Ich war nämlich auf einer Feier einer Nicht-Regierungsorganisation. Was erwartet man von Menschen, die einen großen Teil ihrer Zeit ehrenamtlich für andere Menschen in einem Entwicklungsland opfern? Ich zumindest, dass sie weltgewandt und international ausgerichtet handeln und denken. Meine liebste Bekannte dort ist auch genau so. Kein Wunder also, dass sie fast in Tränen ausbrach, als ich sie nach dem BREXIT fragte. Schlecht, sagte sie, ganz, ganz schlecht sei das für ihre Zukunft, sagte sie. Sie ist Anfang 20.

Dann frage ich eine Frau in ihren 30-ern was sie vom BREXIT halt. Tja, sagte sie. Sie sei wohl nicht die geeignete Person, um hierzu etwas sagen zu dürfen. Sie habe nämlich nicht gewählt, es sei so viel anderes gewesen: Man habe ein neues Haus gekauft, das alte verkauft. Und irgendwie habe sie auch nicht gewusst, was sie wählen sollte. Aber immerhin habe ihr Mann gewählt und auch ihr Vater. Der Mann sitzt mir gegenüber mit versteinertem Gesicht. Er spannt sichtbar die Kaumuskulatur an, als er mir sagt, dass er für den Austritt gestimmt habe. Jetzt sei er schockiert, denn er habe nicht damit gerechnet, dass das passieren würde. „Wir werden jetzt damit klarkommen müssen“, sagt er. Die beiden wohnen übrigens ganz im Südwesten des Landes, in einer Hochburg der Out-Wähler.

Der Einzige, der sich tatsächlich laut darüber freut, dass es zum BREXIT gekommen ist, ist ein Mann, 65. Zu viele Regulierungen habe es gegeben durch die EU, sagt er. Wie Schweden solle man künftig mit der EU arbeiten, oder wie die Schweiz. Die eigene Unabhängigkeit sei doch das Wichtigste. Und überhaupt: Die ganzen Flüchtlinge! Wo sollten die denn hin? Der Mann arbeitet übrigens für ein schwedisches Unternehmen mit Niederlassungen in London, Paris und Düsseldorf. Für seinen vorherigen Arbeitgeber lebte er sechs Jahre in Südafrika, er war unterwegs in Uganda, Kenia, Tansania. Hat die Amerikas bereist von Feuerland bis Kanada, von West nach Ost. Und trotzdem ist er überzeugt, dass es Großbritannien in Zukunft besser gehen wird. Ich würde es ihm gönnen. Aber verstehen kann ich seine Entscheidung nicht.

Raus aus der Filterbubble!

Zurück zur Statistik: In meinem ehemaligen Wahlkreis in Rastatt in Baden-Württemberg wurde die AfD bei den Landtagswahlen im Frühjahr mit 22,85 Prozent die zweitstärkste Partei. In meiner Facebook-Filterbubble ist niemand aus dem Ländle, der diese Partei gewählt hat. In der bitteren Realität wird es aber wohl schon so sein, dass ich einige AfD-Wähler von früher kenne. Dies macht mir wieder einmal klar, wie wichtig es ist, sich nicht auf die digitale und rosarote Welt der Filterbubbles zu verlassen. Wer das gesamte Gesellschaftsbild in einer Stadt oder einem Land sehen will, muss aktiv auch andere und unliebsame Quellen lesen, hören, sehen – gerade als Journalist. Sonst wird man plötzlich mit schockierenden Fakten konfrontiert. So wie jetzt viele Briten.

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