Die Rückkehr der German Angst

Kollektive Angst in Deutschland
Kollektive Angst in Deutschland

Angst. Kein Wort habe ich in den vergangenen drei bis sechs Monaten häufiger gehört. In meinem weiteren Bekanntenkreis leiden akut vier Menschen unter panischen Angststörungen und werden stationär oder ambulant behandelt. Woher ihre Angststörungen kommen, wissen sie meistens selbst nicht genau. Aber Angst ist eben nicht rational. Und trotzdem stark genug, um ihren Alltag zu lähmen. Diese vier mögen Extremfälle sein, aber ich habe das Gefühl, Angst ist derzeit in Deutschland allgegenwärtig, und sie begegnet mir auch in Kommunikationsunternehmen.

Es mag 30 Jahre her sein, dass im angelsächsischen Sprachbereich German Angst ein weit verbreiteter Begriff war. Gemeint ist damit eine diffuse, kollektive Angst vor vielen Dingen, die die Deutschen befallen hat. Lange habe ich an diesen Begriff nicht mehr gedacht, doch jetzt kommt er mir wieder in den Sinn, denn Angst scheint in Deutschland neuerdings wieder allgegenwärtig zu sein. (Textänderung – Beispiel am 10. Januar 2017 nach Beschwerde entfernt)

Angst vor Veränderung

„Man muss mit den Leuten, die Angst haben, reden“, erklärt mir eine Nachbarin, die Psychologin ist. Ich glaube nicht, dass Reden viel hilft, wenn Leute rechte Parteien wählen wollen. Den Bürgern in Mecklenburg-Vorpommern konnte man noch so anhand guter Beispiele und Statistiken zeigen, dass das Zusammenleben mit Flüchtlingen in anderen Bundesländern recht gut funktioniert. Sie haben sich trotzdem mit über 20 Prozent für rechtsgerichtete Parteien entschieden. Aus Angst vor Überfremdung? Vor Veränderung in Ihrem Umfeld?

Wenn soviel Angst in der Gesellschaft ist, wie es derzeit zumindest auf mich den Eindruck macht, ist es eigentlich kein Wunder, dass sie sich auch in den kleineren Einheiten breit und immer breiter macht, in Unternehmen beispielsweise, und in einzelnen Abteilungen. Ein Kollege, mit dem ich über das Thema rede, erzählt mir, dass in seiner Abteilung Kollegen schon dem Kollaps nahe sind, sobald sie das Wort „Sparmaßnahmen“ hören. Dabei wurde keiner dieser Kollegen jemals entlassen. Mein Kollege dagegen weiß sehr genau, wies sich das anfühlt, wenn vier Juristen die Redaktion betreten, und nebenan die Aufhebungsverträge liegen: Er hat während seines Volontariats in der Wirtschaftspresse vier Redaktionsschließungen erlebt. Oder in anderen Worten: Am Ende seines Volontariats gab es keine der Redaktionen mehr, in denen er ausgebildet wurde. Angst vor Sparmaßnahmen hat er keine, Angst vor Veränderungen auch nicht.

Auch bei einem neuen Kunden macht sich eine unerklärliche Angst breit. Dort soll nämlich eine Pressestelle umfunktioniert werden zu einem Newsdesk, um sich den gesellschaftlichen und technischen Änderungen anzupassen, die digitale Transformation zu gestalten. Von Sparmaßnahmen ist nicht die Rede, im Gegenteil sollen einige Stellen geschaffen werden. Trotzdem hat man Angst: Schon die Abschaffung einer Konferenz und die Einführung einer neueren, effizienteren Runde führt dazu, dass Mitarbeiter Angst bekommen. Veränderung sei nicht ihr Ding, erfahre ich.

Mein Leben ist Veränderung

Um ganz ehrlich sein: Ich verstehe diese Angst vor Fremdem und vor Veränderung nicht. Veränderung muss doch nicht negativ sein, im Gegenteil. Immer wenn ich in den letzten Jahren einen nervigen Kunden abgestoßen habe, ist ein besserer nachgekommen. Überhaupt bestand mein Leben in den vergangenen Jahren im Wesentlichen aus Veränderung: Von 1990 bis 2000 bin ich sieben Mal umgezogen und habe an fünf unterschiedlichen Orten in drei Bundesländern gelebt. Von 1995 bis 2000 habe ich in fünf Redaktionen gearbeitet. 2002 gab es die beste Veränderung meines Lebens: Ich wurde entlassen. Und ich musste schwimmen, um nicht unterzugehen. Seitdem habe ich ständig Veränderung: Immer neue Kunden, neue Aufträge, neue Themen. Ich finde das ganz wunderbar, weil mich Stagnation langweilt. German Angst sehe ich mit genau der gleichen Verwunderung wie viele Briten, die oft über deutsche Bedenken und Furcht den Kopf schütteln. Ich wünsche allen Kollegen und Mitbürgern, dass sie sich mehr auf Veränderungen einlassen, beruflich und gesellschaftlich. Um die positiven Seiten kennenzulernen, denn die bringt jede Veränderung mit sich.

Als ich mich darüber mit einem anderen engen Freund unterhalte, bringt er eine weitere Perspektive in die Angstdiskussion ein: Wohlstand. „Angst“, sagt er, „haben doch nur Leute, die glauben etwas zu verlieren“. Um etwas verlieren zu können, muss man zunächst einmal etwas haben. Ich denke darüber nach. Und ich glaube, da ist etwas dran: Wer nichts mehr zu verlieren hat, kennt keine Grenzen mehr, kennt keine Angst. Menschen, die in ihrer Heimat von Gewalt, Krieg und Tod bedroht werden, haben keine Angst, in einer Nussschale über das Mittelmeer zu fahren. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Vielleicht ist es genau das: German Angst gibt es, weil es vielen Deutschen sehr gut geht. Trifft Wohlstandsdenken aber auf fehlende Lebenserfahrung, kommt es zu einer sehr ungesunden Mischung. Sie kann Gesellschaften lähmen. Oder Unternehmen – auch in der Medienbranche. Um es mit einem Zitat zu sagen, das mit Alexander von Humboldt in Verbindung gebracht wird:

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

Ein Kommentar auch kommentieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.