Ein Platter am Mietwagen – und was danach kam

Eine Reifenpanne ist gar nicht so selten
Noch ist der Reifen in Ordnung. Aber eine Reifenpanne ist gar nicht so selten

„Der Reifen vorne links verliert langsam Luft“. Ich schaue meinen Mann entsetzt an. Ist er sich sicher? Natürlich ist er sich sicher: Gestern habe der Reifen noch 32 PSI gehabt, jetzt deutlich unter 30. PSI ist eine angloamerikanische Maßeinheit für den Druck, und wir waren in Schottland unterwegs. Wir fuhren zu einer Tankstelle, pumpten den Reifen auf: 34 PSI. Noch hatten wir die Hoffnung, der Reifen sei vielleicht einfach nur nachlässig aufgepumpt gewesen.

Diese Hoffnung zerschlug sich am nächsten Morgen: Über Nacht war der PSI auf 19 gesunken. Schlecht. Sehr schlecht. Ich rief die Mietwagenverleiher-Hotline für Reifenschäden an, die Nummer klebte im Autofenster. Der Mann, der den Anruf annahm, war sehr nett, fragte das Kennzeichen des Autos ab und nannte mir dann eine Adresse in Perth, also in der Stadt, in der wir gerade waren. Dort werde man uns helfen. Perfekt, die Werkstatt war keine fünf Minuten vom Hotelparkplatz entfernt.

Auf in die Werkstatt

Den Mann in der Werkstatt verstand ich kaum, zu stark war sein schottischer Akzent. Was ich wohl mitbekam: Sein Auftragsbuch war voll, er konnte sich erst um 13 Uhr um unseren Reifen kümmern. Das war in fünfeinhalb Stunden. Wir beschlossen, zur Station des Autoverleihers zu fahren, an der wir zufällig eben vorbeigekommen waren. Vielleicht gäbe es ja noch eine andere Lösung. Der Mitarbeiter dort war ebenfalls sehr hilfsbereit und rief für uns die Hotline an. Ergebnis: Sie wollten sich um eine andere Werkstatt kümmern und uns innerhalb von 30 Minuten Bescheid geben.

Es kam kein Anruf. Also fragten wir nach 40 Minuten erneut bei ihm nach. Zwar habe man versucht, uns zu erreichen, aber das habe nicht geklappt. Wir stellten fest, dass es sich um einen Zahlendreher in der Telefonnummer handelte. Unsere Schuld. Jetzt sollten wir zu einer anderen Werkstatt fahren. Dort sollte die Reparatur nur noch knapp 45 Minuten dauern, allerdings müsse man das ganze Auto überprüfen, nicht, dass es noch mehr Fehler gebe. Äußerst pünktlich teilte uns der Werkstattinhaber mit, dass die Ventilkappen bei allen vier Rädern gefehlt hatten, und dass das das Problem für den Druckverlust gewesen sei.

Noch eine Werkstatt

Wir fuhren weiter nach Dundee, freuten uns, dass der Reifendruck bei allen vier Reifen gleich hoch war. Und stellten kurz vorm Ziel bestürzt fest, dass der Druck vorne links erneut fiel. Nach unserem Besuch im Industriemuseum Verdant Works fehlten plötzlich zehn PSI im linken Vorderrad. Also rief ich wieder die Hotline an. Sie gab uns die Adresse einer weiteren Werkstatt, die etwa eine Meile entfernt war. Dort sollten wir etwa 20 Minuten warten, bis unser Auto untersucht werden konnte. Das Ergebnis: Drei sehr nette Männer, die eifrig diskutierend um unseren Reifen herumstanden. Was genau sie machten, kann ich nicht sagen. Allerdings hielt die Luft dann bis zum Ende unseres Roadtrips. Wir kontrollierten den Luftdruck allerdings etwa viermal am Tag über das Bordsystem – schließlich gibt es in den nördlichen Highlands nicht unbegrenzt Werkstätten.

In der Zwischenzeit war uns jedoch aufgefallen, dass der Wagen am vorderen linken Reifen schon einmal einen Schaden gehabt hatte: Die Felge war nämlich gestrichen worden, stand ganz klein in unserem Mietwagenvertrag. Zweimal zufällig ein Schaden am gleichen Reifen? Ganz sicher nicht! Das sah auch der Mitarbeiter der Verleihfirma so, der das Auto inspizierte, als wir es zurückbrachten. Er war bestürzt, als er den Reifen sah: „Sie hätten diesen Wagen so niemals bekommen dürfen“, sagte er uns. „Der Reifen hätte sofort nach dem ersten Schaden ersetzt werden müssen“. Er bestätigte, dass das Auto in Ordnung sei und meinte, wir müssten nicht mit einer Rechnung rechnen. Die kam jedoch direkt am nächsten Morgen. Sie war nicht hoch, aber ärgerlich. Immerhin hatten wir zusätzlich zweimal vom Handy aus die Hotline angerufen, waren in drei Werkstätten, um einen Schaden beheben zu lassen, für den wir nicht verantwortlich waren, und hatten einen halben Urlaubstag auf diese Weise verloren. Darum widersprachen wir der Rechnung vehement, natürlich auf Englisch. Eine Antwort bekamen wir zwei Wochen lang nicht. Dann beschlossen wir, das Unternehmen zu bewerten. Schließlich hatten sie uns per Link dazu aufgefordert, unsere Zufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Da wir nicht zufrieden waren, fiel auch unsere Bewertung dementsprechend aus. Wir baten am Ende der Bewertung um Kontaktaufnahme per Mail oder Telefon. Es passierte zwei weitere Wochen lang nichts. Dann bekamen wir eine abschließende Mail: Da der Schaden nicht ausreichend dokumentiert gewesen sei, habe man die Rechnung storniert. Nun gut. Et hätt noch immer joot jejange.

Hätten wir irgendetwas besser machen können?

Ich habe mich anschließend mit Rechtsanwalt Christian Solmecke von WBS Law in Köln über das Thema unterhalten. Sein Tipp: „Bevor man mit dem Wagen losfährt, sollte man ihn genau unter die Lupe nehmen“. Das hatten wir gemacht. Zu zweit waren wir um das Auto herumgegangen. Doch dass der Reifen Luft verlor, konnte man ihm nicht ansehen.

Trotzdem muss man im Zweifel auch für Schäden aufkommen, die erst später auftauchen, denn: „Wenn der Urlauber unterschreibt, dass das Auto keine Schäden hat, ist er grundsätzlich verantwortlich für die, die nach dem Ende seiner Mietzeit in ein Protokoll aufgenommen werden“, sagt Solmecke. „Oft wird es schwierig, das Gegenteil zu beweisen“, so der Rechtsanwalt. „Möglicherweise bedarf es dann eines teuren Sachverständigen“. Tauchen allerdings Schäden innerhalb weniger Stunden nach Übernahme des Wagens auf, die bisher nicht genannt worden waren, sollte man umgehend den Vermieter darüber in Kenntnis setzen. „Hier gibt es in der Regel keine Probleme“, so der Rechtsexperte.

Natürlich hatten auch wir umgehend den Vermieter informiert. Weil wir jedoch an den beiden ersten Tagen nur kurze Strecken gefahren waren, war „umgehend“ erst am dritten Tag. Dann nämlich war offensichtlich, dass der Reifen Luft verlor. Vorher war es nur ein Verdacht. Insofern hatten wir also Glück im Unglück: erstens, weil die Mietwagenfirma schon nach einer Mail die Rechnung stornierte. Zweitens – und das ist viel wichtiger – weil wir mit dem defekten Reifen keinen Unfall hatten. Dann nämlich hätte die Geschichte nochmals ganz anders ausgehen können.

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