Maisel and Friends: Digitalisierung der Braubranche

Gerald Poppiger, Brauer mit iPad. Foto: Maisel & Friends
Gerald Poppinger, Brauer mit iPad. Foto: Maisel & Friends

Eine Terrasse mit Blumen und Sitzgelegenheiten, ein Backsteinhaus, ein trendiger englischsprachiger Name: Maisel und Friends. Auf den ersten Blick sieht man nicht, dass man hier vor der Brauerei Gebrüder Maisel mitten in Bayreuth steht. Doch dann fallen links vom Eingang die glänzenden Malz-Silos auf, rechts hinten sieht man gestapelte Bierkästen, viele. Und überhaupt – hängt da nicht auch ein Hauch von süßlichem Braugeruch in der Luft? Bei Maisel and Friends trifft Tradition auf Moderne: 1887 wurde das Gebäude errichtet, in dem noch heute gebraut wird. Doch heute braut der Braumeister das Bier mithilfe eines Tablets.

Wer sich für den Brauprozess interessiert, muss nur durch den Haupteingang das Gebäude betreten, dann sieht man rechts durch die hohen Scheiben schon die Brauwerkstatt. Dort gibt es eine Säule, in der die Steuerung zu fehlen scheint, wenn der Braumeister unterwegs ist. Ist er vor Ort, klemmt er sein iPad mit Klettverschluss an die Säule und steuert darüber das eigentliche Brauen.

Digitales Bierbrauen

Ist das nur Spielerei? Oder hat es einen konkreten Nutzen, die Brauerei digital zu steuern? „Das ist sogar sehr wichtig für uns“, sagt der Inhaber von Maisel and Friends, Jeff Maisel. „Denn so können wir viel einfacher als früher eine gleichbleibende Qualität garantieren.“ In den 30er Jahren, so erzählt er, habe man während des Brauprozesses beispielsweise gegen ein Rohr geschlagen. So habe man den Kollegen an anderen Orten im Gebäude ein Zeichen gegeben, dass eine bestimmte Stufe im Brauprozess erreicht war, und es für sie Zeit war, zu handeln. „Dann kam es natürlich darauf an, wie schnell sie reagiert haben, ob sie richtig reagiert haben, auch darauf, wie gut das Team zusammengearbeitet hat“, sagt Maisel. „Heute sind diese möglichen Fehlerquellen ausgeschaltet, indem man Prozesse, die immer gleich ablaufen sollen, automatisiert. Das ist aus meiner Sicht der größte Vorteil der Digitalisierung.“

Speziell bei der Zubereitung der Würze im Brauprozess gehe es nur um wenige Grad, die nicht überschritten werden dürften. Falls das doch passiert, ändert sich der Geschmack, und das ist natürlich nicht erwünscht. „Durch die Digitalisierung ist dieser Prozess ganz genau abgestimmt“, sagt Jeff Maisel. Trotz der Vorteile der Digitalisierung: „Man muss nicht alles digitalisieren. Für uns ist auch Flexibilität sehr, sehr wichtig“, sagt Maisel. Schließlich wird im Unternehmen viel mit neuen Geschmäckern experimentiert – natürlich ohne vom Reinheitsgebot abzuweichen. „In diesen Fällen ist der Mensch viel wichtiger als der Computer“, sagt der Brauexperte. „Denn der Mensch denkt mit, der Computer nicht.“

Digitalisierung, Individualisierung, Rationalisierung

In der Praxis wird der Braumeister durch sein Tablet örtlich ungebunden über den Brauprozess auf dem Laufenden gehalten: Läuft alles nach Plan? Muss Hopfen zugefügt werden? Wie viel Zeit hat er noch, bis er den nächsten Schritt einleiten muss? Dadurch lassen sich zeitgleich mehrere Prozesse von einer Person steuern. Ein Effizienzvorteil, ganz klar: In der Brauwerkstatt beträgt die Jahreskapazität des Sudhauses rund 10.000 Hektoliter. „Es laufen also mehrere Sude am Tag“, sagt Jeff Maisel. „Ohne Digitalisierung bräuchte man dafür drei, vier Leute. Das wäre aber leider nicht mehr wirtschaftlich.“

Jeff Maisel über die Digitalisierung und das Bierbrauen

Werden durch die Digitalisierung Arbeitsplätze abgebaut?
Ich denke, in ganz Deutschland, in der ganzen Welt werden Arbeitsplätze gefährdet durch die Digitalisierung. Überall. Auch wenn man bei der Einreise am Flughafen durch den Zoll geht, und dort kein Beamter mehr sitzt, sondern ein Scanner den Ausweis kontrolliert. Dafür wird der Grad der Spezialisierung immer höher: Wir brauchen natürlich noch Brauer. Aber die müssen sich heute auch mit der Wartung und Instandhaltung von Maschinen auskennen. Ein Brauer muss die Pumpe nicht nur steuern, sondern eben auch kleinere Wartungen durchführen und Störungen beseitigen.

In Bayreuth liegt die Arbeitslosenquote bei 4,1 Prozent im Juni 2016. In der Bundesrepublik liegt sie im Schnitt deutlich höher mit 5,3 Prozent, in Köln beispielsweise ist sie mehr als doppelt so hoch mit 8,5 Prozent. Woher bekommen Sie die spezialisierten Arbeitskräfte, die Sie brauchen?
Wir sind ein Familienbetrieb, und wir arbeiten nachhaltig. Die Zufriedenheit unserer langjährigen Mitarbeiter ist für uns ein Pluspunkt und hilft uns, neue Mitarbeiter zu finden. Davon abgesehen müssen wir viel, viel mehr ausbilden. Und das tun wir.

Im Zeitalter von 3D-Druckern kann schon heute, wird aber künftig noch viel mehr eine Massenproduktion mit individuellen Noten möglich sein. Denken wir an einen Fahrradlenker, der ganz speziell auf seinen Fahrer angepasst ist. Oder selbstgemischtes Müsli. Können wir künftig auch unser Bier selbst im Netz mischen und bei Ihnen in Auftrag geben?
Das ist noch ein wenig futuristisch, aber es gibt schon genügend Branchen, in denen genau das umgesetzt wird. Für kleinere Brauereien ist das die Chance, noch ein wenig individueller zu sein und wegzugehen von der Masse. Ich glaube, dass das sehr wichtig ist und es in Zukunft noch wichtiger wird, solche und ähnliche Dinge anzubieten. Darin sehen wir übrigens auch unsere Zukunft: Wir glauben an holzfassgereifte Biere, an Biere jenseits der Menge, für die die Kunden bereit sind, mehr zu zahlen

“Zum Glück ist Bier nicht digitalisierbar“

Auch wenn die Digitalisierung viele Vorteile hat: „Es gibt auch Nachteile“, sagt Jeff Maisel. Schließlich nehme die Digitalisierung sehr viel Zeit in Anspruch: „Wir sind heute alle und ständig mit dem Smartphone oder Tablet beschäftigt“, sagt er. „Da braucht es eine Gegenbewegung. Doch selbst die wird den Prozess der Digitalisierung nicht stoppen: Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Und darum bin ich auch sehr froh, dass Bier an sich nicht digitalisiert werden kann. Dafür gibt es auch noch keine App – das muss man noch ganz analog in ein Glas füllen und trinken.“

Ich war im Rahmen einer Bloggerreise in Bayreuth. Im zugehörigen Restaurant Liebesbier habe ich kostenlos gegessen. Und auch für die Führung durch das Brauereimuseum habe ich keinen Eintritt bezahlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.