Projekt Digitalien: „Ich bin ein Spätzünder und etwas naiv im Umgang mit meinen Daten“

Mini-Workshop im Projekt Digitalien
Mini-Workshop im Projekt Digitalien

Wer ein Ladenlokal mietet, hat die Tür offen. Das gehört sich so. Schließlich will ich ja in Kontakt kommen mit den Menschen auf der Straße. Manche Begegnungen sind jedoch unerwartet.

Freitag, 14.30 Uhr. Ich habe eine Box mit orangefarbenen Streichholzschachteln, auf die meine Internetadresse gedruckt ist, auf die schmale Fensterbank vor meinem kleinen Schaufenster im Projekt Digitalien gestellt. Auf dem Deckel der geöffneten Box steht „Zum Mitnehmen“. Oberhalb der Box kleben zwei Sprechblasen am Fenster. In einer ist ein Fragezeichen, in der anderen steht, dass ich Journalistin bin, dass ich mich hier für zwei Monate eingenistet habe, und dass man bei Fragen ruhig reinkommen soll.

Die Sache mit den Streichhölzern funktioniert. Die Leute bleiben stehen, nehmen Schachteln heraus, lesen den Text am Fenster. Rein kommt aber niemand. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Frau und ihre Tochter im Teenageralter. Beide haben eine braunrote Hautfarbe und sehr dunkle Haare. Sie schauen auf die mit Kreppband am Fenster festgeklebte Box, lösen die Klebestreifen, machen die Box zu und stecken sie ein. Ich stürze zur Tür. „Neinneinnein!“, sage ich. „Sie können gerne zwei oder drei Schachteln mitnehmen, aber bitte nicht die ganze Box!“ – „Entschuldigen, entschuldigen!“, sagt die ältere Dame. Das Mädchen sagt:“Sie spricht nicht so gut Deutsch.“ Die ältere Dame:“Da steht ‚Zum Mitnehmen’, entschuldigen!“. „Aber nicht die ganze Box“, sage ich nochmals. „Deswegen habe ich sie ja festgeklebt“. Sie nimmt einige Streichholzschachteln:“Entschuldigen, danke, danke!“. Ich sage: Gerne, kein Problem!“, sie gehen weiter.

Freitag, 16 Uhr. Die Tür geht auf. Ein kleiner Mann mit dickem Bauch will mir ein Exemplar der Obdachlosenzeitung verkaufen. Danke, nein, sage ich. Er bittet um eine Spende, er habe Hunger. Viel Hunger, lange nicht gegessen. Er schaut auf meinen Tisch, ich folge seinem Blick und sehe die Banane, die ich mir als Zwischenmahlzeit mitgenommen habe. „Ich kann Ihnen diese Banane geben“, sage ich. Ja, sagt er, danke, danke. Er verlässt Digitalien, steht vor der Tür, isst die Banane, nickt mir nochmals zu.

Freitag, 18 Uhr. Karen P. kommt herein. Sie nimmt am Workshop „Facebook: Privatsphäreeinstellungen“ teil. Warum?, frage ich sie. „Ich bin ein Spätzünder, was soziale Netzwerke anbelangt“, sagt sie. „Und ich fürchte, dass ich im Umgang mit meinen Daten etwas naiv bin. Das will ich ändern.“ Wir reden eine Stunde lang über die Privatsphäreeinstellungen, draußen bleiben immer wieder Leute stehen, schauen rein.

Die Kurzzusammenfassung zum Mini-Workshop als PDF gibt’s hier.

Freitag, 19.15 Uhr. Silvia Legat, Inhaberin von Tee de Cologne, ist da. Sie hatte ihren Besuch für diese Uhrzeit angekündigt. Da sie selbst einen Laden hat, konnte sie nicht früher. Sie holt die iPhone-Hülle mit dem Ehrenfelder Leuchtturm ab, die sie sich schon vor Wochen über Facebook gesichert hat.

Samstag, 12 Uhr. Ein älterer Herr geht vorbei. Er kommt zurück, kommt rein. „Guten Tag“, sagt er. „Guten Tag“, sage ich. „Wie kann ich Ihnen helfen?“. „Gar nicht“, sagt er. „Sie wollen nur mal gucken, was ich so mache?“ – „Ja“, sagt er. „Und haben Sie eine Idee?“ – „Tja, Computer“, sagt er. Ich erkläre ihm, dass ich Journalistin bin. „Wo?“, fragt er. Ich sage, dass ich selbstständig bin, dass ich Wirtschafts- und Internetthemen bearbeite. „Internetthemen, was ist das?“, fragt er. Na, es geht beispielsweise um solche Dinge wie Facebook, sage ich. „Facebook, ja“, sagt er. Ich hole mein Smartphone. „Und es geht um diese kleinen Programme, die auf den modernen Handys sind“, sage ich. „Ahja“, sagt er. „Wie heißen die noch mal?“ – „Apps“, sage ich. „Ach ja. Dann wünsche ich Ihnen alles Gute“, sagt er, und gibt mir seine sehr warme Hand. Das ist angenehm in meinem klammen Lädchen. „Danke, Ihnen auch“, sage ich. Und freue mich über sein Interesse und seinen Mut.

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