Rätsel des Redigierens: Wenn aus einem Pro-Text ein German-Angst-Text wird

Bargeld? Och nö!
Bargeld? Och nö!

Neulich hatte ein Kunde, für den ich schon einmal geschrieben habe, per Mail gefragt, ob ich etwas zum Thema kontaktloses Bezahlen schreiben könne. Klar, sagte ich. Und wie es von ihm gewünscht war, gab ich etwa 3600 Zeichen ab. Bekanntlich bin ich kein Technikverweigerer, und das Thema interessierte mich schon lange. Was mich bisher davon abgehalten hatte, selbst kontaktlos zu bezahlen, war die etwas kryptische Anleitung dazu von meinem kreditkartenausgebenden Institut.

Weil man bekanntlich über das, was man selbst schon gemacht hat, am besten schreibt, habe ich das kontaktlose Bezahlen endlich ausprobiert, nachdem ich diesen Auftrag bekommen hatte. Und weil ich mehrere Kreditkarten habe, habe ich es auch mehrfach getestet: Erstmals in Frankreich mit einer Karte der DKB – hat problemlos und sofort funktioniert. Nun wollte ich ein weiteres Erfolgserlebnis mit der Karte der LBB erzielen. Das jedoch ist genau die Karte mit der kryptischen Anleitung. Ich probierte in einem Supermarkt kontaktlos zu bezahlen – und es ging nicht. Also schrieb ich eine Mail an das Finanzinstitut:

Hallo,
ich habe gestern versucht, kontaktlos zu bezahlen. Das ging nicht – auch zur Überraschung der Verkäuferin, die meinte, ich hätte alles richtig gemacht. Ich habe mit der Karte schon mehrfach mit PIN bezahlt. Sollte dadurch die Funktion nicht freigeschaltet sein? Oder verstehe ich den Satz „Zum Aktivieren der Kontaktlos-Funktion stecken Sie Ihre Karte beim ersten Bezahlvorgang in das Kartenlesegerät“ falsch? Heißt das, ich muss vor dem ersten kontaktlosen Bezahlen die Karte einmal einstecken und wieder herausziehen?

Als Antwort bekam ich leider nur einen unpassenden Textbaustein zurück:

Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir Ihnen aus Sicherheitsgründen nur allgemeine Auskünfte erteilen können. Vertragsrelevante Informationen bzw. Änderungen sind auf diesem Weg nicht möglich.

Das ließ mich ratlos zurück. Und darum probierte ich es einfach ein zweites Mal, dieses Mal am KVB-Automaten. Klappte ganz wunderbar.

Erfreut über neue Bezahlmöglichkeit

Ich gab meinen Artikel also mit dem guten Gefühl ab, dass die neue Technik recht einfach ist. Wegen Sicherheitsrisiken habe ich zumindest in diesem Zusammenhang persönlich keine Bedenken. Im Text habe ich trotzdem einige Absätze geschrieben wie:

Verbraucher, die auf Nummer Sicher gehen wollen, kaufen sich eine entsprechende Schutzhülle für die Karte: Damit wird jede Funkkommunikation verhindert, solange die Karte in der Hülle steckt.

Und:

Trotzdem sollten Verbraucher natürlich wie auch schon wie bisher regelmäßig ihre Kontoauszüge überprüfen: Wem eine unberechtigte Abbuchung auffällt, der wendet sich am besten sofort an seine Bank.

Rotterdam und Stockholm: Bitte kein Bargeld!

Bis der Kunde den Artikel redigiert hatte, war ich in Stockholm und Rotterdam. Dort findet man immer häufiger kleine Läden, die kein Bargeld mehr annehmen, und das auch ganz groß an ihre Türen und Stände schreiben. Speziell in Rotterdam ist kontaktloses Bezahlen sehr beliebt, und wir haben diese Bezahlweise an einem verlängerten Wochenende vielfach eingesetzt, ohne dass irgendetwas doppelt bezahlt wurde oder jemand unsere Karte missbraucht hätte oder sonst ein Schaden entstanden wäre.

Als ich zurück war, fand ich eine Mail meines Kunden:

Schauen Sie mal über den Text, ob sich Fehler, Unschönheiten o.ä. eingeschlichen haben

Ich war ziemlich verdutzt, als ich las, was er aus meinem Text gemacht hat: Der Text hatte noch knapp 3000 Zeichen. Und er schien mir übervorsichtig formuliert. Unter anderem stand dort jetzt:

So komfortabel kontaktloses Bezahlen auch ist – künftig sollte man noch besser als bisher auf seine Giro- oder Kreditkarte aufpassen. Denn bei Karten mit NFC-Chip könnten ansonsten auch Unbefugte leicht Beträge bis 25 Euro begleichen.

Mein Güte, denke ich mir da! Wenn mir jemand den Geldbeutel klaut, sind wahrscheinlich mehr als 25 Euro weg. Und wenn jemand meine Onlinebankingzugangsdaten abphisht, sind wir schnell im vierstelligen Bereich. Warum sollte kontaktloses Bezahlen gefährlich sein? Es kann doch maximal um 25 Euro gehen. Und warum müssen wir in Deutschland eigentlich jede neue Technik erst einmal für unsicher und doof halten? Sowohl in Rotterdam als auch in Stockholm freuen sich die Leute, die ich gesprochen habe, darüber, dass sich ihre Gesellschaft so entwickelt, darüber, dass es eine sehr praktische neue Technik gibt, die kinderleicht funktioniert. Und in Deutschland dreht ein technikängstlicher Kunde meinen Pro-Text in einen German-Angst-Text um. Verstehe ich nicht. Aber gut, soll er abdrucken, was er möchte. Ich habe ihn allerdings gebeten, weder meinen Namen, noch mein Kürzel mit diesem Text zu veröffentlichen. Denn mit diesem Inhalt kann ich mich leider nicht identifizieren.

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