Honorar: Strategie bei einem neuen Auftrag

Honorar: Der Kunde bekommt, was er bezahlt?!
Honorar: Der Kunde bekommt, was er bezahlt?!

Gestern bekam ich einen überraschenden Anruf: Ob ich an einer Hochschule eine Einheit in einem neuen Studiengang übernehmen möchte? Es gehe dabei – grob gesagt – um Social Media. Zunächst bin ich erfreut, denn ich unterrichte gerne und würde diesen Anteil an meiner Arbeit auch lieber etwas ausbauen.

Doch ich kenne den Kunden – und vor allem seine Honorare, und beginne zu rechnen: 32 Euro gibt es für 45 Minuten. Das entspricht einem Stundenlohn von 42 Euro, was für eine Hochschule gar nicht so schlecht ist. Ich rechne weiter: Ich müsste drei Stunden pro Einheit vor Ort sein, eine Stunde An- und eine Stunde Abfahrt macht also fünf Stunden. Honorar 128 Euro minus rund 20 Euro Reisekosten = 20 Euro pro Stunde – vor Steuern. Das klingt nicht mehr ganz so gut. Ich äußere meine Bedenken im Telefongespräch. Mein Gesprächspartner sagt, er habe keinen Verhandlungsspielraum, will sich aber umhören, ob es eine Reisekostenpauschale gibt.

Nachmittags bekomme ich eine Mail von ihm: nein, es gebe keine Reisekostenübernahme. Er könne mir aber anbieten, dass ich seinen Kurs mit einem anderen vor Ort kombiniere, so dass sich die Reisekosten auf zwei Kurse splitten. Das klingt im ersten Moment nicht ganz schlecht. Allerdings reise ich für Kurs B nur drei Tage an. Würden diese drei Tage mit Kurs A kombiniert, müsste ich sehr früh morgens aufstehen, um beide Kurse hintereinander geben zu können. Und wird Kurs B von drei auf sechs Tage geteilt, fiele plötzlich das Doppelte an Fahrkosten an, was das ebenfalls nicht üppige Honorar von Kurs B noch weiter drücken würde.

Ich denke den ganzen Nachmittag und Abend über das Problem nach, diskutiere es mit meinem Mann.

Honorar: Was sind die Vor-, was die Nachteile?

Vorteile:

  • Es geht um Social Media, ich kann unter Umständen alte Folien übernehmen.
  • Ich hätte sechs gebuchte Termine im Frühsommer, für die ich keine anderen Aufträge suchen muss.
  • Es könnte Folgeaufträge geben, deren Vorbereitung schneller gehen wird.
  • Ich kann das Thema weiterspinnen und ein eBook daraus machen oder es für andere Bildunsganstalten als Workshop aufbereiten.

Nachteile:

  • Ich kann zwar alte Folien übernehmen, muss sie aber aktualisieren und ans Thema anpassen. Das ist zeitintensiv.
  • Ich bin durch die sechs Tage gebunden. Kommt ein besserer Auftrag rein, kann ich ihn unter Umständen nicht annehmen.
  • Honorar: Nachrechnen ist Pflicht!

    Zwar überwiegen die Vorteile, doch die Argumente dafür sind recht schwach: Es kann keiner in die Zukunft sehen. Der potenzielle Auftraggeber will aber jetzt eine Antwort. Was tun? Ich rechne nochmals:

    3 Stunden vor Ort
    + 2 Stunden An- und Abreise
    + Vorbereitungszeit (X Stunden)
    – Reisekosten (rund 20 Euro)
    – Steuern
    – Versicherungen, technische Infrastruktur und so weiter und so fort

    Der Stundelohn wird nach Abzug der Steuern also bei maximal 15 Euro liegen. Wenn ich dann noch meine Ausgaben gegenrechne, kommt ein Gewinn von unter zehn Euro die Stunde heraus. Das entspricht etwa dem Gewinn, den ich mache, wenn ich einen Tageszeitungsartikel schreibe. Allerdings habe ich dabei weniger Aufwand.

    Weniger Aufwand – genau, das ist das Stichwort: Wenn der Kunde also nicht mehr zahlen kann und will, dann muss ich meinen Arbeitsaufwand herabsetzen. Baue ich mehr Übungen ein, füllen die Studierenden die Zeit vor Ort aus. Ich muss also weniger vorbereiten, und im Zweifelsfall lernen sie sogar noch mehr dabei. Das könnte klappen.

    Honorar: Nicht alles einfach so akzeptieren

    Ich schreibe darum dem Auftraggeber, dass ich sein Angebot schätze, ich schreibe ihm auch, dass mich 15 Euro pro Stunde nicht zufrieden machen, und dass ich nicht davon leben kann. Und ich schreibe ihm trotzdem, dass ich gewillt bin, es ein Semester lang zu probieren. Allerdings: Ich werde ganz genau Buch darüber führen, wie viel Zeit ich tatsächlich investiere – und was dafür am Ende herauskommt. Auch das habe ich dem Auftraggeber geschrieben. Und dass ich, wenn sich meine Befürchtung bestätigt und ich überdies keinerlei Synergieefekte für dieses Thema finde, es bei einem einmaligen Versuch lassen werde.

    So. Jetzt muss der Auftraggeber mir sechs Termine im Mai und Juni vorschlagen, an denen ich noch Zeit habe. Da ich bereits für zehn Seminartage, die deutlich besser bezahlt sind, gebucht bin, einige Tage aus anderen Gründen wegfallen und zusätzlich noch einige Feiertage in diese Zeit fallen, könnte das eine schwierige Aufgabe sein. Sollte es daran scheitern, dann sollte es wohl einfach nicht sein. Und das ist dann auch ganz gut so.

    Wie geht Ihr mit solchen Auftragsanfragen um? Lehnt Ihr sie direkt ab? Lasst Ihr Euch auf Kompromisse ein? Verhandelt Ihr?

    Update: Gerade erfahre ich, dass der potenzielle Auftraggeber eine halbe Stunde, nachdem ich meine Mail geschickt hatte, einen geschätzten Kollegen angerufen, und ihn gefragt hat, ob er den Kurs übernehmen will. Jaja, das Internet macht die Welt noch viel kleiner. Damit ist der Fall für mich erledigt. Es sollte wohl tatsächlich nicht sein 😉

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Ich stehe auch gerade vor der geschilderten Situation. Findet die Uni jemanden, der es zu dem Preis macht, ist es auch gut. Ich möchte nicht zu Dumpingpreisen arbeiten.

    Danke für den wunderbaren Text, den ich jetzt zu meinen Bookmarks aufgenommen habe.

    Herzlichen Gruß
    Huberta Weigl

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