Mit diesen Apps werden fast alle zu Influencern: Vor- und Nachteile von Freachly & Co

Es ist ein früher Abend, als ich durch Apples App-Vorschläge klicke. Oft sind da ganz gute Tipps dabei. Dieses Mal lese ich von Freachly, einer App, die „Deals für Influencer“ anbietet. „Finde passende Deals in deiner Nähe und esse umsonst in hippen Restaurants oder übernachte kostenfrei in edlen Hotels“. Interessant, denke ich. Und: Das muss ich mir doch mal ansehen. Also lade ich die App herunter und registriere mich. Es dauert nicht lange, bis ich per Mail eine Absage bekomme. Sie ist nichtssagend: Entweder sei ich nicht alt genug – ich denke: oder bin ich nicht eher zu alt? Meine Konten erreichten keine 250 Follower, das Profil sei nicht öffentlich oderoderoder.

Absage von Freachly

Alles Quatsch. Also antworte ich, und bitte darum, das doch passender erklärt zu bekommen. Ergebnis: „Ich glaube, uns ist da ein Fehler unterlaufen“. Eine Nachricht via Instagram solle ich noch schicken – und schwups sei ich freigeschaltet. So schnell geht’s dann aber doch nicht: Ich bekomme von der App immer eine Fehlermeldung und frage nochmals nach.

Et volià: Jetzt bin ich offizielle Influencerin. Zumindest, wenn’s nach Freachly geht. Ich bin überrascht, wie viele Unternehmen in Köln mitmachen: wenige Bars und Sehenswürdigkeiten, aber eine ganze Menge Restaurants und Cafés. Auffallend ist jedoch: Es sind viele Ketten dabei wie Wonderwaffel und Yogissimo, eher hippe Läden, in denen Bowls und Burrito oder Pizza und Burger serviert werden. Da gehe ich zwar auch manchmal essen, aber eigentlich bevorzuge ich eine andere Küche.

Kommunikation via Instagram

Welche anderen Influencer-Apps gibt es eigentlich neben Freachly noch?

Freachly ist bei weitem nicht die einzige Influencer-App. Reachhero ist vielleicht einigen ein Begriff: Auch dort registriere ich mich mit Twitter und Instagram aus Neugierde – und werde ebenso nichtssagend abgelehnt wie bei Freachly. Nachfragen, warum ich abgelehnt wurde, soll ich nicht, mache ich aber trotzdem: Meine Themen ließen sich nicht gut vermarkten. Komisch, ist mir bei Food, Drinks und Reise bisher noch nicht aufgefallen. Obwohl meine Twitter- und Instagram-Accounts also offensichtlich nicht gut genug für Reachhero sind: Das Blog Op jück, das natürlich die gleichen Themen abdeckt, sagt dem Unternehmen dann doch zu. Ebenso merkwürdigerweise die zugehörige Facebook-Business-Page, die nur etwas mehr als 500 Follower hat. Ich denke mir, wenn Reachhero das Blog und Facebook akzeptiert, müsste doch auch Instagram ok sein – und versuche es ein zweites Mal. Fehlanzeige. Ich bekomme wieder eine Absage.

Absage von Reachhero

Dann habe ich mir noch Collabor8 und Picstars heruntergeladen. Collabor8 hat nur sehr wenige Angebote in Deutschland. Ich bewerbe mich über die App bei einem Produzenten eines Energiedrinks – höre aber nichts von ihm. Picstars ist mir ehrlich gesagt noch ein Rätsel: Ich soll ein Foto mit dem Logo der App bei Twitter und Instagram posten. Bei Twitter habe ich das bereits resonanzlos getan, bei Instagram noch nicht.

Freachly & Co und die Werbekennzeichnungspflicht

Ich schaue mir die Spielregeln bei Freachly an: Immer nett bleiben, den Code scannen, pipapo – aber Hallo: Müssten die Posts bei Instagram nicht eigentlich als Werbung gekennzeichnet werden? Der Werbeleitfaden der Medienanstalt Berlin Brandenburg sieht die Kennzeichnung vor, wenn

  • es ein Honorar gibt. Das kann auch ein Rabatt in Höhe von 10 oder 20 Euro oder eine Ermäßigung um 20 oder 30 Prozent sein,
  • wenn es eine Absprache gibt – die liegt in diesem Fall vor. Denn die Vergünstigung gibt’s natürlich nur, wenn ich poste.
  • wenn werblich berichtet wird – auch wenn es kein Honorar und keine Absprache gibt.

Und: Ich bin bei Freachly nicht einmal besonders frei in der Art des Posts. Ich lege schon bei der Gutscheinwahl fest, ob ich in der Story oder im Feed poste. Außerdem gibt das Kooperationsunternehmen vor, welche Hashtags benutzt werden müssen, ob ich auf dem Foto den Namen verlinken, den Ort angeben muss und und und. Auf meine Nachfrage bei Freachly, ob ich kennzeichnen muss oder nicht, bekomme ich eine eher zögerliche Antwort:

„leider weiß das aktuell noch niemand so genau, weder die gerichte noch die Staatsanwaltschafft (!) oder größere Unternehmen … Wir geben es den Usern mit auf den Weg, es bei aktueller Rechtslage besser mit aufzunehmen, um mögliche (!) Probleme aus dem Weg zu gehen :)“

Freachly: Was sagt die Medienanstalt Berlin Brandenburg dazu?

Ich frage bei Stefanie Lefeldt, Justitiarin bei der Medienanstalt Berlin Brandenburg nach, wie sie das sieht: „Es besteht eindeutig eine Kennzeichnungspflicht“, sagt sie. „Schließlich gibt der Kooperationspartner vor, wie lange der Post online sein muss, welche Hashtags verwendet werden sollen – und es gibt eine klare Vereinbarung darüber, welchen Gegenwert der Influencer für seinen Post bekommt. Darum kann man allen, die Freachly & Co nutzen, nur raten, ihre Posts direkt am Anfang mit ‚Anzeige‘ oder ‚Werbung‘ zu kennzeichnen, selbst wenn der App-Anbieter das nicht so klar sagt“, so Stefanie Lefeldt. Denn die Landesmedienanstalten gehen nicht gegen die App-Anbieter, sondern gegen die Influencer vor, wenn diese nicht den Regeln entsprechend kennzeichnen.

Bei Reachhero gibt es übrigens einen Hinweis zu diesem Thema – zumindest unter einem Performance-Deal, der mich interessierte.

Und wie funktioniert Freachly nun genau?

Für mich ist klar: Ich werde meine Posts kennzeichnen – aber bevor es soweit ist, muss ich erst einmal einen Gutschein einlösen. Das nehme ich mir für Berlin vor: Auf meinem Spaziergang durch den Westen liegt ein Café, das Freachly nutzt. Als ich dort ankomme, ist es so megavoll mit jungen und alten Leuten, dass ich mich frage, wofür die eigentlich auch noch Werbung in den sozialen Medien machen wollen. Zweiter Anlauf einige Tage später: In einem Bistro soll es einen Rabatt geben. Doch als ich dort ankomme, hängt ein Zettel im Schaukasten: Das Restaurant hat unter anderem Namen einige Meter weiter neu eröffnet. Ich schicke Freachly ein Foto – bekomme aber keine Antwort darauf. 

Gibt’s nicht mehr

Dann also Köln. Bei Yogissimo auf der Venloer geht das ruckzuck: Code scannen, 10 Euro Gutschein. Ich bestelle für weniger – ist dem Unternehmen natürlich auch recht. Zu meiner Überraschung ist das Kettencafé ganz nett. Hatte ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet. Ich frage die Damen hinter der Theke, ob den viele Kunden den Gutschein einlösten. Nein, sagen sie, derzeit überhaupt nicht. Vor einigen Monaten seien jedoch sehr viele Kunden über die App gekommen. Einige Tage später in einem anderen Café. Hier hat die Dame das Prozedere noch nie gemacht. Gemeinsam schaffen wir es trotzdem. Sie bittet mich, ihr zu zeigen, wie das in der App aussieht, denn das hat sie noch nie gesehen. Überhaupt wundert sie sich, dass sie schon online ist: Der Freachly-Vertreter sei doch erst vorgestern da gewesen. 

Instagram-Post gegen Geld

Nicht alle sind zufrieden mit Freachly & Co

Ganz anders läuft es bei einem dritten Anbieter: Er ist überhaupt nicht begeistert, als ich komme. Im Gegenteil ist er ziemlich sauer auf Freachly und hat deren Dienst schon vor zwei Wochen gekündigt. Ein Vertreter sei zu ihm gekommen, sehr nett gewesen, und so habe er sich darauf eingelassen. Allerdings wollte man von ihm, einem kleinen Unternehmer, im Monat mehrere hundert Euro dafür, dass er überhaupt in der App präsent ist. Dazu kamen die Vergünstigungen für die Leute, die die Gutscheine einsetzen wollten. Letztendlich ein hoher Marketing-Preis für einen schwer zu ermittelnden Nutzen. Er konnte den Preis immerhin deutlich drücken, sagt er, doch dann wollte das Unternehmen die Summe für ein halbes Jahr trotzdem im Voraus. Das wiederum wäre für ihn erneut eine deutlich zu hohe finanzielle Belastung gewesen. Am meisten ärgert ihn aber, dass er nach Vertragsschluss nie mehr von dem Unternehmen gehört hat: Niemand habe gefragt, wie es laufe, ob er zufrieden sei. Noch schlimmer: Bei ihm hat in über fünf Monaten nie ein Influencer angefragt, ob er den Gutschein einlösen dürfe. Also: Einen ziemlichen Batzen Geld zum Fenster rausgeschmissen. Darum hat er fristgerecht gekündigt und wartet jetzt darauf, endlich nicht mehr auf der Karte präsent zu sein. Er macht mich darauf aufmerksam, dass längst nicht alle Unternehmen zufrieden mit Freachly sind.

Nicht alle Unternehmen sind happy

Ich hatte bisher nur die positiven Artikel darüber gelesen, mit wie viel Geld die App aus der Wirtschaft unterstützt wird.

Wie ist das eigentlich mit den Vergünstigungen durch Freachly & Co und der Steuer?

Und dann gibt es da noch einen Aspekt: Wenn ich für meinen Post eine Vergünstigung bekomme, dann muss das in irgendeiner Form auch steuerlich relevant sein. Bei Produkttestern beispielsweise kann sogar recht schnell ein Gewerbe vorliegen. Bei den Influencern könnte es aber eher um den geldwerten Vorteil gehen. Dazu habe ich bereits einen Artikel für Blogger geschrieben. Ich vermute, dass sich die Erkenntnisse übertragen lassen. Falls jemand dazu andere Kenntnisse hat – gerne in den Kommentaren hinterlassen.

Ohne ein Spielverderber sein zu wollen: Aber Geld, das im Steuersystem fehlt, fehlt am Ende allen: in der Infrastruktur, den Straßen, den Schulen. Natürlich gibt es Schwarzgeld auch bei Handwerkern, Putzhilfen oder sehr gerne in Restaurants. Besser wird die Situation dadurch aber nicht.

Davon abgesehen frage ich mich außerdem, was das eigentlich für eine Gesellschaft ist, in der ein volles Abendgericht oder der Eintritt in ein Museum nicht mehr wert ist als ein Foto mit einigen Hashtags – dessen Nutzen man als Unternehmen nicht einmal so richtig messen kann. Es kann zwar sein, dass der Unternehmer durch diese Apps einen höheren Zulauf bekommt – aber es müssen eben auch zahlende Kunden kommen, und nicht nur Möchte-gern-Influencer. Denn sonst lässt sich eines Tages die Telefon- oder Stromrechnung nicht mehr bezahlen. Außer der entsprechende Anbieter wäre auch zufrieden mit einem Post in den sozialen Netzwerken.

Und dann ist mir bei Reachhero noch etwas aufgefallen: Bezahlte Videolinks zu TV-Sendern

Bei Reachhero gibt es neben den bezahlten Kampagnen eben auch Give aways oder so genannte Performance Kampagnen. Dort bieten Unternehmen Influencern Geld dafür, dass sie einen Link auf ein spezielles Video bei Facebook, WhatsApp, Snapchat oder wo auch immer posten. Was mich dabei irritiert, ist die sehr große Zahl an Videos, die auf Seiten von Pro7, Sat1 oder Kabel 1 führen. Mal etwas ketzerisch: Vielleicht erklärt das ja auch den großen Marktanteil bei den jüngeren Zuschauer*innen.

Centbeträge verdienen mit Links auf Videos

Was ist mein Fazit zu Freachly & Co?

Mir geht es gar nicht darum, Geld zu sparen oder etwas für einen Post zu bekommen. Ich habe erfreulicherweise genügend Geld, um dort Kaffee zu trinken und zu essen, wo ich will. Ich poste in aller Regel immer aus Restaurants und Cafés – ohne Vergünstigungen zu bekommen. Dann nämlich, wenn ich vom Angebot überzeugt bin. Freachly ist für mich trotzdem eine ganz nette App, um Lokale kennenzulernen, in die ich normalerweise nicht gehen würde. Im Zuge einer größeren Transparenz und im Sinne der Influencer wünschte ich mir allerdings, dass man es dort mit der Kennzeichnungspflicht etwas genauer nehmen würde. Und ich wünschte mir auch, dass die Behörden deutlich dazu Stellung nehmen, wann was wie versteuert werden muss. Aber das ist ja alles noch Neuland – was will man da schon erwarten?

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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