Gelesen: Unfollow. Wie Instagram unser Leben zerstört

Die Scheinwelt bei Instagram: Unfollow spricht Klartext

Instagram und ich, das ist Hassliebe. Einerseits mag ich die App, weil mir dort nicht so viel Hass und brauner Mist begegnet wie bei Twitter und Facebook. Außerdem verdiene ich indirekt Geld mit ihr, wenn ich KollegInnen erkläre, wie man Storys macht. Und andererseits frage ich mich, wie es sein kann, dass die Zahl der Follower seit Monaten nicht mehr steigt. Welche Algorithmen und Finessen liegen dahinter? Erst wurden aus unter 1000 Follower knapp über 2000. Das war einfach: Regelmäßig posten, liken, anderen folgen. Aber seither stagniert die Zahl. Es kommen X Fake Accounts in einer Woche dazu – und nach vier Monaten, wenn ihre Konten wieder gelöscht sind, sind sie wieder weg. Organisches Wachstum gleich Null. Und weil mir das zu blöd ist und ich keine Zeit dafür habe, Instagram wie ein rohes Ei zu behandeln, habe ich beschlossen, locker zu lassen. Es kütt wie es kütt, sagt der Kölner.

Unfollow: Das Buch zum richtigen Zeitpunkt

In diesem Moment sehe ich das Buch der Kollegin Nena Schink, das gerade im Eden Books Verlag erschienen ist: „Unfollow. Wie Instagram unser Leben zerstört(Werbe-Link zu Amazon). Der Verlag hat es mir kostenlos zur Rezension überlassen. Nena zitiert aus der Royal Society for Public Health:

Die sozialen Medien wurden bereits als noch süchtig machender beschrieben als Zigaretten und Alkohol.

Das ist eine krasse Aussage. Und ich bin wieder einmal froh darüber, eine Kindheit und Jugend ohne Digitalisierung gehabt zu haben – und das, obwohl ich die Vorteile der Digitalisierung nicht nur erkenne, sondern sie auch lebe. Trotzdem glaube ich, dass es ein Zuviel gibt. Und ich fürchte, die sozialen Langzeitfolgen werden erst in den kommenden Jahren so richtig deutlich werden. Instagram trägt seinen Teil dazu bei. Sowohl in Oudtshoorn als auch in Kapstadt in Südafrika war ich entsetzt, wie achtlos junge Menschen Felsen besteigen, Naturwunder, Verbotsschilder und Bitten ignorierend, das nicht zu tun. Nur für ein Foto. Ein Foto, das andere in Zukunft nicht mehr machen können, weil es das Naturwunder vielleicht nicht mehr geben wird. Die früheren, rücksichtslosen Reisenden haben es zerstört in ihrem Wahn, ihr Foto zu machen und zu teilen.

Gut, dass die Autorin von Unfollow jung ist

Schützt bitte Eure Kinder besser als diese junge Mutter

Nena Schinks Buch richtet sich vor allem an junge Frauen, die Instagram verfallen sind. Sie will ihnen helfen, diesen Wahn hinter sich zu lassen, und ihr Leben ohne Likes und Follower zu leben. Ein wichtiger und guter Ansatz. Um das zu erreichen, schildert sie im ersten Teil ihr „Erwachen“, wie sie es nennt. Sie erzählt, dass ihr Freund ihr Fotograf wurde – und sie ihn anschrie, wenn die Bilder nicht gut wurden. Da frage ich mich, warum der Freund sich das gefallen ließ – warum alle Instagram-Freunde sich das gefallen lassen. Des Geldes wegen? Tja, wenn Geld wichtiger als Liebe ist, kann man das machen, sollte man aber nicht. Auch dieses Sich-selbst-in-Szene-setzen finde ich persönlich schrecklich – wie übrigens auch Nena Schinks Mutter, die sie interviewt hat zum Thema. Diese gibt dort mit ihren Antworten einige Denkansätze. Top!

Nena Schink erzählt auch, wie sie in San Francisco gezielt Instagram-Hotspots aufgesucht hat. Wie schrecklich. Die Scheinwelt von Möchtegern-Stars kopieren, und dabei auf eigene Erlebnisse verzichten. Langsam verstehe ich, warum ich bei Instagram so ein kleines Licht bin und wohl auch bleiben werde: Ich möchte mich den ungeschriebenen Gesetzen einfach nicht beugen, weil ich mich dazu verbiegen müsste. Und darauf habe ich keine Lust. Instagram soll mir Spaß machen, und nicht Likes und Kommentare von Menschen bringen, die so eventuell nur reagieren, um mehr Follower zu bekommen. 

Schonungslos offen

Darüber sollte man häufiger mal nachdenken

Ich bin beeindruckt, wie schonungslos offen Nena Schink über ihre schlimmste Zeit bei Instagram berichtet, über das Einziehen des Bauches, den gewollt gelangweilten Blick, die vielen vergeudeten Stunden, um das optimale Bild zu bekommen. Das ist für mich alleine darum spannend, weil ich es absurd finde, diesen ganzen Aufwand zu betreiben. Und dabei fällt mir wieder ein, dass ich gestern einen Insta-Account von einer Frau sah, deren Taille und Po so unecht aussahen, dass ich mich frage, ob sie auch die App Airbrush benutzte, die Nena vor jeder Veröffentlichung einsetzte. Niemals käme ich auf die Idee, so etwas zu liken. Davon abgesehen gibt es zwischen den langweiligen Bildern halb-nackter Instagram-Möchtegern-Stars und der #metoo Debatte eine krasse Diskrepanz. Zumindest empfinde ich das so. Eine von vielen Parallelwelten.

Nena widmet diesem Thema ebenfalls ein Kapitel. Sie sieht allerdings das Frauenbild anders als ich auf „Mutter“ und „Frau“ reduziert, was mindestens genau so schrecklich ist, als sich selbst ständig als Pin-up-Girl anzupreisen. Und, was ebenfalls grauenvoll ist: Möchtegern-Influencerinnen, die schon ihre Kinder vor die Kamera zerren, und sie in diese Scheinwelt hineinschubsen.

9 Likes: Während ich Unfollow lese, bin ich auf einer Veranstaltung in Bonn. Ich mache ein Bild des nächtlichen Bahnhofs. Nacht, Licht und Bahnhof – das sind eigentlich drei Faktoren, die immer ganz gut laufen. Dieses Bild hat einige Stunden später zwei Likes. Zwei. Am nächsten Morgen sind es sieben, etwas später neun. Ich verstehe es nicht. Woran liegt das? Am Text unter dem Bild? Aus dem hervorgeht, dass ich mir einen Vortrag zu weißem digitalem Hass angehört habe? Steckt da ein Wort drin, das dafür sorgt, dass das Bild weniger Reichweite bekommt? Irgendwie ist es spannend. Aber ich halte es mit Nena: Welche Relevanz hat es eigentlich, wie viele Likes ein Bild bekommt? Der Vortrag war super, und das ist, was zählt.

Schadet Instagram der Karriere?

Berechnung mit Sinn

Nena Schink erzählt vom Lästern über Instagramposts. Das ist mir völlig fremd. Mit wem und überhaupt warum sollte ich denn über die Posts von anderen lästern? Ich finde sie entweder gut oder blöd. Wenn ich sie blöd finde, gebe ich kein Like. So einfach ist das. Für alles andere habe ich keine Zeit. Und: ich will mir diese auch nicht nehmen. Allerdings erinnere ich mich an ein Foto eines Kollegen bei Instagram. Das war schlecht. Und es hat meine Meinung über ihn bestätigt: Er hat keine Ahnung von sozialen Medien. 

Nachdem mir dieses Beispiel eingefallen ist, gebe ich Nena Schink recht: Was sollen die Mitarbeiter einer Unternehmensberatung davon halten, wenn ihre Kollegin sich halbnackt bei Instagram zeigt? Was die Mitarbeiter in einer Vermögensverwaltung? Bei einer Versicherung? In einer Schule? Und was wird aus den jungen, halbnackten Mädels, wenn sie irgendwann ihre Form verlieren – ganz einfach, weil sie älter werden? Wenn sie Falten bekommen? Retuschieren sie weiter? Löschen sie die Fotos? Setzen sie ihre Profile auf „geschlossen“? 

Guter Gedanke

Selbstinszenierung war nie mein Ding. Trotzdem habe ich viele Profile in den sozialen Medien. Weil ich damit mein Geld verdiene. Dazu muss ich aber nicht mich selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern Kompetenz zeigen. Vor einigen Jahren fragte mich ein junger Mann, wie ich es denn mit so wenigen Followern schaffen würde, Seminare rund um soziale Medien zu geben. Das Geheimnis müsste ich ihm einmal verraten. Und da ist sie, die gnadenlose Selbstüberschätzung: Anzunehmen, gut und erfolgreich sei nur, wer viele Follower habe. Dass bei professionellen Accounts auch noch ganz andere Sachen eine Rolle spielen, wie beispielsweise Recht, Storytelling jenseits der Selbstinszenierung oder Seriosität, das kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Schade.

Zweiter und dritter Teil von Unfollow: Nutzwert

Die lustigste – und traurigste – Stelle im Buch

Der zweite Teil von Unfollow gefällt mir sehr gut. Hier können die LeserInnen mit Nena Schink einen Blick hinter die Fassade der InfluencerInnen werfen: Wie viel Geld fließt da eigentlich? Und ist wirklich alles nur gefaked? Da ich selbst schon einiges zu diesem Thema geschrieben habe, kann ich der Kollegin nur zustimmen. Es ist gut, dass darüber geschrieben wird, je mehr, desto besser. Auf dass dieser Quatsch bald vorbei ist. Und dann gibt es noch den dritten Teil, in dem Nena nach einer Lösung sucht. Gibt es den perfekten Umgang mit Instagram? Bei dem man mehr lebt, als Bilder von teilweise fremden Menschen anzusehen? In dem man nicht ständig gezwungen ist, seinen Kaffeebecher zu posten, sein Hotelzimmer oder die tolle Tasche, die man gekauft hat? Oder: Geschenkt bekommen hat? Oder: Kostenlos zugeschickt bekam, um sie zu posten?

Was das Buch mit mir gemacht hat

Obwohl ich schon immer einen ziemlich realistischen Blick auf Instagram hatte, hat Unfollow etwas mit mir gemacht: Ich bin durch die Liste der Menschen gegangen, denen ich folge. Und ich habe einige rausgeschmissen, die mich zugegebenermaßen nicht interessieren, und deren Fotos ich nicht schön finde. Dafür folge ich andererseits jetzt viel mehr Menschen, Unternehmen, Medien und Organisationen – einfach, weil ich ihre Inhalte spannend finde. Und auch, wenn sie mir nicht folgen. Dann habe ich etwas Paradoxes angefangen: Seit einigen Tagen poste ich täglich eine kurze Story. Sie lassen sich Kategorien wie #50centundmehr, #neuerheisserscheiss oder #opjueckweltweit zuordnen. Ihr haltet mich für verrückt? Nein, bin ich nicht. Ich will einen Kontrapunkt setzen zu den oberflächlichen, belanglosen, dummen Inhalten. Ich will Storys machen über Sachen, die wichtig sind. OK, #opjueckweltweit ist die kleine Ausnahme, quasi der Sonntag unter den Storys. Und ich verschönere mich übrigens auch nicht mit irgendwelchen Apps: Ich bin eine fast 50-jährige Frau, ich habe Falten und graue Strähnen, ich habe einige Kilo zu viel – und wer das doof findet, der muss sich meine Storys ja nicht ansehen. Außerdem blockiere ich sofort alle Instagramer, die bei der Interaktion irgendeinen Bullshit schreiben, nur damit ich auf sie aufmerksam werde und ihnen folge. Sorry, ist nicht. Ich finde Euch nämlich doof.

Was mir an Unfollow nicht so gefällt

So hilfreich der sehr ehrliche Einblick von Nena sein mag, eine Sache gibt es, die mir nicht so gefällt: Die Kapitel wirken für mich vor allem im ersten Teil sehr abgehackt. Ein Blick nach hier, ein Blick nach da – aber der Fluss zwischen den Kapiteln fehlt mir. Und auch wenn ich die Geschichte um ihre Uroma sehr ans Herz gehend finde – ich weiß nicht so recht, ob sie in diesem Buch wirklich am richtigen Platz ist. Eventuell sind die sehr persönlichen Geschichten im Buch auch nichts anderes als die Selbstinszenierung bei Insta – nur eben in Wort statt in Bild.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthemen und Buchautorin.

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