#DW_GMF 2019: Ganz anders als die Republica – aber sehr spannend

Der Bundespräsident im Live-Video beim #DW_GMF

Nein, es ist weder hip, noch groß, noch in einer coolen Location: Das Deutsche Welle Global Media Forum (DWGMF) in Bonn findet im World Conference Center statt. Es gibt eine Hauptveranstaltung und nur wenige parallellaufende Sessions um die Mittagszeit. Essen ist übrigens im Preis inbegriffen und wird im Gegensatz zur #rp19 nicht auf Einweggeschirr serviert. Das DWGMF ist viel gemütlicher und überschaubarer als die Republica – und gleichzeitig viel internationaler. In diesem Jahr ging es um Machtverschiebungen im Journalismus. Und was in der Ankündigung für meine Verhältnisse ein bisschen steif und nüchtern daherkam, war live und in Farbe ziemlich spannend.

Ein Loblied auf Blogger auf #DW_GMF

Mein Lieblingszitat des Tages kam von Matthias Döpfner von Axel Springer:

„Die Blogger von heute sind die großen Publisher von morgen“.

Das höre ich natürlich gerne. Gleichzeitig frage ich mich mit fast 50 Jahren, wann denn endlich das Morgen beginnen wird. Ich blogge mehr oder weniger seit Anfang des Jahrtausends. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich ohne die Blogs viele Aufträge und Kunden nicht bekommen hätte. Aber das richtig große Geld verdiene ich bisher nicht damit. Ob sich dieses Blatt für mich in den kommenden 15 Jahren noch wenden wird?

#DW_GMF und die sozialen Medien

Auch Frank-Walter Steinmeier sagte schlaue Dinge im Live-Video aus Berlin: „Die technische Entwicklung ist, wie sie ist. Neue Entwicklungen verändern die Kommunikation, auch die politische Kommunikation. Das spüren auch klassische Medien wie Print, Radio und TV. Und das macht mir zum Teil Sorgen. Der Ton in den sozialen Medien ist oft sehr viel rauer – es gibt dort nichts zwischen Schwarz und Weiß“. Recht hat er, unser Bundespräsident. Und mit Verlaub: Ich wundere mich erstens darüber, dass so viele Kolleg*innen offensichtlich noch immer nicht verstanden haben, dass sich die technische Entwicklung nicht mehr zurückentwickeln wird. Einer, der das übrigens verstanden hat, ist Michael Bröcker von der Rheinischen Post: „Print bleibt Teil der Zukunft. Aber wir müssen auch in Technologien investieren und beispielsweise Newsletter und Podcasts anbieten“.

Zweitens frage ich mich, warum das eigentlich sein muss, dass der Ton in den sozialen Medien in Deutschland so ist, wie er ist. Neulich sprach ich mit einer Kollegin, die die sozialen Medien auch auf Französisch nutzt: Ein Tonfall wie in Deutschland sei dort unvorstellbar. Ich halte es seit der Republica mit dem Vorsatz von Theresa Bücker, die sich vorgenommen hat, mehr Positives im Netz zu teilen. 

Tanit Koch von n-tv erinnerte in einer Plenumsdiskussion erneut an das, was man derzeit an vielen Stellen und Orten hört: „In den sozialen Medien läuft viel falsch. Aber die meisten Menschen nutzen social media nicht für Hate Speech und Propaganda, sondern um sich zu vernetzen und zu informieren“. Daran glaube ich, und daran will ich auch glauben, weil mir ansonsten eigentlich nichts anderes übrigbliebe, als alle Plattformkonten zu löschen. Gleichzeitig wird mein Glaube just an diesem Tag auf dem DWGMF auf eine harte Probe gestellt. Denn ausgerechnet meine Tweets vom #DW_GMF geraten in die Fänge von Verschwörungstheoretikern und Rechten, werden als Fake News geteilt und mit ähnlich unschönen Begriffen charakterisiert. Mit einem Twitter-Nutzer führe ich gar einen längeren Dialog zum Thema Klarnamen und Haltung. Unser letzter Tweet-Wechsel zum Thema:

#DW_GMF: Lösungen für das soziale Netz

Während jeder Nutzer daran mitarbeiten kann, das Netz besser zu machen, gibt es noch andere Ansatzpunkte: Plattformen sind verantwortlich für die Inhalte, die auf ihnen gepostet werden. Das sieht sogar Marie-Teresa Weber, Public Policy Manager Facebook, auf dem #DW_GMF so. Sie bemängelt allerdings, dass es keine Regeln dafür gibt, was erlaubt ist, und was nicht, und darum fordert sie Politiker, Wissenschaftler und Plattformen zur Zusammenarbeit auf. Tobias Schmid, Direktor der Landesmedienanstalt NRW, erinnert daran, dass es durchaus ein Gesetz gibt, das sich auch auf Plattformen anwenden lässt. „Es sind gar nicht Tausende, die das Netz schlecht machen“, sagt er. „Es sind nur Hunderte. Aber es wird trotzdem zwei bis drei Jahre dauern, um die Probleme konsequent zu lösen.“ Für die Rechtsdurchsetzung im Netz gibt es in NRW die Initiative Verfolgen, nicht nur löschen

AI auf dem #DW_GMF

Das spannendste Plenum aus meiner Sicht fand am Ende meines Besuchstags statt. Es ging um künstliche Intelligenz (AI) im Journalismus. Aus meiner Sicht besonders interessant waren diese Aussagen:

  • Li L’Estrade von MittMedia in Schweden: „Die Daten werden bei uns von den Menschen gesammelt, aber der Roboter analysiert sie nach der Blickwinkelvorgabe aus der Redaktion“.
  • Atte Jääskeläinen von der LUT School of Business and Management in Finnland: „Probleme im Journalismus löst man nicht durch noch mehr Content. Content gibt es genug. Wertschöpfung jedoch ist nur durch relevante Inhalte möglich“.
  • Nanjira Sambuli, World Wide Web Foundation, Kenia: „Das Problem ist nicht, Daten zu bekommen, sondern die Qualität der Daten und deren Subjektivität. Es könnten die Sichtweisen einiger gesellschaftlicher Gruppen fehlen“.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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