Gelesen: Die große Zerstörung

Buchcover
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Wer bei diesem Titel an Corona denkt, liegt falsch. „Die große Zerstörung. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht(Werbe-Link zu Amazon) ist ein Buch rund um die Digitalisierung, das aus meiner Sicht das Pech hat, zum falschen Zeitpunkt zu erscheinen. Der Dudenverlag hat es mir kostenlos zur Rezension zur Verfügung gestellt. 

Der Autor, Andreas Barthelmess, ist Start-up-Unternehmer. Und er schreibt Texte für die NZZ, den Spiegel oder die Zeit, die in dieses Buch eingeflossen sind. Genauso wie seine autobiografischen Erinnerungen – beispielsweise an den Bio-Unterricht Mitte der 90er, und an eine Jugend in einer ruhigen Zeit. Im Gegensatz dazu steht die Gegenwart, unruhig, und mit teils wild-scheinenden Führern. Disruption erklärt er zunächst mithilfe der Darwinfinken. Deren Schnäbel mittlerer Länge und Breite reichten plötzlich nicht mehr zum Überleben. Gefragt waren die langen, schmalen oder die breiten, kurzen mit viel Kraft. Ähnlich ist es heute mit Unternehmen: Ein Taxi reicht nicht mehr zum Überleben, es muss Uber sein. CD und Radio werden nicht mehr gebraucht, das neue Ding ist Spotify.

Disruption all überall

Aber, so der Autor: Disruption an sich ist nicht neu – das zeigt auch das Beispiel der Darwinfinken. PCs haben Schreibmaschinenhersteller überflüssig gemacht, Telefone Botenjungen. Und trotzdem ist Disruption heute etwas anderes als früher, weil sie schneller und günstiger möglich ist, als bisher. So kann sich die Welt über Nacht durch eine neue App verändern. Und das hat gravierende Folgen für die Gesellschaft und für jeden einzelnen von uns. Barthelmess führt ein Beispiel an, das ich neuerdings auch oft aus Redaktionen höre: Die Tinder-Generation scheut sich davor, zum Telefon zu greifen und fremde Menschen anzurufen, oder in Bars oder auf der Straße einfach anzusprechen. Das ist an sich schon ziemlich absurd, im Journalismus aber natürlich noch absurder. Ansonsten geht es auf den ersten 70 Seiten des Buches im Wesentlichen um die Vergangenheit und um die Gegenwart. Vergangenheit meint dabei einen Blick zurück in die Geschichte der Welt, Gegenwart ist ein Abriss des heutigen Seins, des Wachsens von Start-ups durch Venture Capital hin zum absoluten Marktbeherrscher.

Bedenklich dabei: Die Marktbeherrscher, also Google, Apple oder Amazon, sind -logischerweise – die besten. Oder zumindest die, die zuerst da waren und sich nicht verdrängen lassen wollen. Darum zahlen sie hohe Löhne, um auch die besten Mitarbeiter zu bekommen. Nicht, dass bei allen anderen Unternehmen jetzt nur noch Idioten arbeiten würden. Trotzdem kann man annehmen, dass bei exzellent-zahlenden Firmen auch Menschen mit besonders viel Intelligenz und Innovationskraft sitzen – die in anderen Unternehmen möglicherweise fehlen. Und die diese Marktbeherrscher noch marktbeherrschender machen.

Politik, Medien – alles veraltet

Dummerweise kommen die Marktbeherrscher in der Regel nicht aus Deutschland. Und leider nicht einmal aus Europa. Kein Wunder also, dass der Autor ganz schön mit dem Deutschen und den Deutschen abrechnet. Aber auch mit den Medien und dem Journalismus. Sicherlich hat er mit vielem Recht, und zumindest den ein oder anderen Denkansatz wird man aus diesem Buch mitnehmen. Allerdings ist das Ganze auch etwas pauschalisierend, und ich will mich eigentlich in keine der Schubladen stecken lassen, die da soziologisch, politisch oder finanziell eröffnet werden. 

Sehr spannend finde ich allerdings das Kapitel „Das Ende der Parteien“. Es dauert zwar lange, bis der historische Abriss in der heutigen Zeit mit ihren teils merkwürdigen Landesführern angekommen ist, aber dann wird es interessant: So erklärt Andreas Barthelmess, welche Rolle die unterschiedlichen Wahlsysteme dabei spielen, dass Menschen wie Trump oder Johnson Länder regieren dürfen. Und erklärt auch, warum das in Deutschland nicht so einfach möglich ist – worüber ich auch sehr froh bin. „Die Wähler wollen Personen, keine Parteien“, schreibt er. Und auch wenn ich verstehe, dass vielen Bürgern die deutschen Parteien zu gleich geworden sind: Was einige andere Länder zu bieten haben, ist um ein Vielfaches schlimmer. Das zeigt sich gerade in der Corona-Krise – ist zumindest meine Meinung.

Social Media und so

Auch schön ist der Satz „Heute werden nicht Politiker zu Ikonen, sondern Ikonen zu Politikern“. Das mag richtig sein. Und sicherlich spielt das Internet dabei auch eine zentrale Rolle. Aber würde nicht vielleicht mehr Medienkompetenz die Bürger davon abhalten, Ikonen zu Politikern zu wählen? Wenn sie mehr verstehen würden, wie die sozialen Medien eigentlich funktionieren, wäre das sicherlich hilfreich. Das Dumme ist nur: Die meisten Menschen scheinen zu denken, dass sie das Internet verstehen. Tun es aber nicht Barthelmess hofft darauf, dass sich das Problem von selbst erledigt, so wie es schon im Laufe der Geschichte häufig war, wenn eine Innovation nicht mehr neu war. Allerdings bereichern Facebook und Co bereits seit über 15 Jahren unser Leben. Ich schließe mich der Hoffnung trotzdem an. 

Andreas Barthelmess rechnet übrigens mit Instagram in einem ganz eigenen Kapitel ab – ähnlich wie die Autorin von Unfollow es tut. Äußerst interessant ist allerdings der Bezug zur Politik: Während in vielen anderen Ländern Politiker zu Social Media Stars werden, oder es eventuell auch schon waren bevor sie genau darum Politiker wurden, ist das in Deutschland aufgrund der Geschichte der Bundesrepublik eben genau nicht gewollt: Wir hatten das im Prinzip schon einmal, nur gab es damals noch keine soziale Medien. Vermutlich leuchtet das aber nur den älteren Generationen sofort ein, die zumindest noch die Geschichten ihrer Großeltern aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen. Jüngere Generationen mögen Politiker ohne instagramgenehme Ästhetik einfach langweilig finden. Mit den entsprechenden Konsequenzen.

Wohlstand ade

In den letzten Kapiteln geht es dann um die Mittelschicht, die nicht weiter so gut situiert bleiben wird. Das sagt zumindest der Autor. Warum das so ist, und was das mit Disruption zu tun hat, hat sich mir während des Lesens nicht erschlossen. Darum stehe ich jetzt etwas verwundert da. Recht mag er ja damit haben, dass die Schere immer weiter auseinandergeht. Das zeigt sich jetzt im Moment besonders deutlich: Wer wegen Corona in Kurzarbeit ist, kann davon ganz gut leben, wenn er ein ordentliches Gehalt hat. Und wer sowieso wenig verdient, verdient jetzt eben noch weniger. Das wird natürlich Konsequenzen haben – je länger der wirtschaftliche Aufbau ausbleibt. Auch dass der Konsum sich gerade nicht so recht entwickeln will, die Leute keine Lust zu haben scheinen, mit Maske und Sicherheitsabstand einzukaufen, ist nicht gerade förderlich für eine schnelle Erholung der Wirtschaft. Aber: erstaunlicherweise hat sich in der Krise, Phase I, gezeigt, dass Deutschland ganz gut mit ihr umgeht, und die alten Politiker ohne Instagramflair einen guten Job machen. Auch die Zugriffe auf öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind irre gestiegen, sowohl in den analogen Medien als auch auf den sozialen Kanälen.

Sehr spannend finde ich übrigens die Idee, Bürger an Venture Capital zu beteiligen, um so mehr Zustimmung für Digitalisierung in der Bevölkerung zu bekommen. Würde ich sofort machen. Das Problem:

  • Die Deutschen mögen keine Wertpapiere. Auch keine Fonds. Sie bleiben lieber beim Tagesgeld und Sparbuch, denn mit Wertpapieren könnte man ja Geld verlieren.
  • Dummerweise haben sie damit gerade jetzt recht, denn die Coronakrise hat die Börsenkurse auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Darum wird vermutlich auch nichts aus dem Investitionshaushalt, so wie Barthelmess ihn fordert. Jetzt muss die Wirtschaft erstmal wiederaufgebaut werden – nachhaltig-ökologisch soll das geschehen. Aber welche Rolle dabei die Digitalisierung spielen wird, dass ist äußerst fraglich. Insbesondere, wenn ich mir ansehe, wie schwer sich die Bundesrepublik mit einer vernünftigen Corona-App tut.

Mein Fazit: Spannendes Buch. Gut geschrieben. Nicht ganz das, was ich erwartet habe – aber das ist nicht unbedingt die Schuld des Autors. Vielleicht hatte ich einfach die falschen Erwartungen.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthemen und Buchautorin.

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