Warum mein Ex-Chef im Ruhestand ein Buch über Jugendarbeitslosigkeit schreibt

Michael Jungblut, Wirtschaftsjournalist und mein ehemaliger Chef
Michael Jungblut, Wirtschaftsjournalist und mein ehemaliger Chef

Als ich Michael Jungblut das erste Mal gegenüber sitze, bin ich nicht besonders gut gelaunt: Seine Sekretärin rief mich 1997 in Potsdam an, als ich gerade Praktikum bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung machte. Sie wollte mit mir einen Termin für ein Vorstellungsgespräch ausmachen. Es ging um eine Stelle als Redakteurin für neue Medien in der WISO-Redaktion beim ZDF, Jungblut war Hauptredaktionsleiter. Andere hätten sich nach dieser Chance wahrscheinlich die Finger geleckt. Ich nicht. Ich wollte Lokaljournalistin werden und hatte gute Aussichten auf ein Volontariat nach meinem Aufbaustudium. Mit Wirtschaft wollte ich nichts zu tun haben. Und beworben hatte ich mich nur, weil es mir von mehreren Seiten nahe gelegt worden war.

Nun saß ich da, sauer, weil ich viel Geld für einen Blazer ausgegeben hatte. Weil es die zweite Zugfahrt in zwei Wochen von Berlin nach Mainz war, die mich als Studentin ein Vermögen gekostet hatte. Weil ich mein Praktikum frühzeitig abbrechen musste. Weil ich sicher war, den Job sowieso nicht zu bekommen. Und was sagt Michael Jungblut zu mir: „Frau Blaß, Sie haben ja einen tollen Lebenslauf. Aber Sie haben keine Ahnung von Wirtschaft!“. Klasse, dachte ich. Das wusste er doch auch schon vorher.

Ich hatte vor dem Vorstellungsgespräch mit der Kollegin, die die Stelle gekündigt hatte, auch über diesen Punkt gesprochen. Einigermaßen patzig gab ich also zur Antwort, was ich dort gehört hatte:“Es soll ja eher um Verbraucherthemen gehen – und das kann man lernen.“ Ein leichtes Lächeln, Zustimmung, nächste Frage: „Können Sie eigentlich arbeiten?“. Ich wusste nicht so richtig, was ich darauf antworten sollte. „Wie haben Sie denn Ihr Studium finanziert?“. Nun wusste ich noch weniger, was ich sagen sollte, denn mir war es peinlich zu sagen, dass ich in den Semesterferien richtig malocht habe. Ich wand mich ein wenig:“Ich habe frei für Zeitungen gearbeitet und in den Ferien verschiedene Jobs gemacht.“ – „Vom Zeilenhonorar kann man nicht leben“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen, ja, das war schon 1997 so.

Dann also Butter bei die Fische: „Ich habe unter anderem in Schicht- und Akkordarbeit in den Semesterferien bei Daimler gearbeitet“, sagte ich laut, und fügte etwas leiser hinzu:“Und außerdem war ich während des Studiums Saunaaufsicht. Man musste dort alles organisieren und auch putzen und natürlich die Aufgüsse machen. Angezogen, natürlich.“ Jungblut lachte. „Ich sehe, Sie können arbeiten“, sagte er. Als ich zuhause in meiner Wohngemeinschaft ankam, war er auf dem Anrufbeantworter:“Ich habe ganz vergessen zu fragen: Können Sie eigentlich nächsten Dienstag bei uns anfangen?“.

Ohne meine ersten drei Berufsjahre in der WISO-Redaktion wäre ich nicht das, was ich heute bin: Ich hätte keine Ahnung von Wirtschafts- und Verbraucherjournalismus, könnte kein HTML und wahrscheinlich hätte ich mich nicht mit Onlinejournalismus beschäftigt. Auch darum freue ich mich immer, wenn ich etwas von Michael Jungblut höre. Als mir nun sein neues Buch mit Erfolgsrezepten gegen Jugendarbeitslosigkeit in den Briefkasten flattert, habe ich mich jedoch gefragt, warum er das geschrieben hat. Er ist schließlich längst im Ruhestand und könnte seine Zeit wahrscheinlich besser verbringen. Seine Antwort auf diese Frage kann für viele von uns ein Leitmotiv sein:

[aesop_quote background=“#eb9f1e“ text=“#ffffff“ align=“center“ size=“2″ parallax=“An“ direction=“up“ quote=“Als Journalist und Autor ist man erst dann im Ruhestand, wenn einem nichts mehr einfällt. Allerdings muss man nicht mehr schreiben, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Man kann sich Themen aussuchen, die wichtig sind – wie zum Beispiel die Jugendarbeitslosigkeit. Außerdem: Früher haben andere mir geholfen, meinen Weg zu finden. Jetzt kann ich etwas zurückgeben.“]

Cover Erfolgsmodelle gegen Jugendarbeitslosigkeit
Cover Erfolgsmodelle gegen Jugendarbeitslosigkeit


Wieso ist Jugendarbeitslosigkeit ein wichtiges Thema? Ich höre überall von unbesetzten Stellen, demografischem Wandel und Fachkräftemangel?

Das ist doch der Wahnsinn: Wirtschaft, Verwaltung oder Wissenschaft jammern, dass der Fachkräftemangel immer bedrohlicher wird und geeigneter Nachwuchs nur noch schwer zu finden ist. Gleichzeitig erleben in Deutschland Jahr für Jahr rund 350.000 junge Menschen bereits beim Einstieg ins Berufsleben ihre erste Pleite. Sie finden keinen Ausbildungsplatz oder brechen die Lehre vorzeitig ab, weil sie den falschen Beruf gewählt haben. An den Hochschulen geben über 30 Prozent der Studenten vorzeitig auf oder schaffen den Abschluss nicht. Das ist trotz einer inzwischen deutlich besseren Berufsorientierung an den Schulen ein unhaltbarer Zustand. Daran ließe sich viel ändern – auch ohne staatliche Milliardenprogramme. Kreativität und Initiative sind wichtiger als Geld. Das zeigen die in der Praxis bewährten Beispiele.

Wer ist die Zielgruppe des Buches? Unternehmen? Jugendliche? Eltern?
Es wendet sich an alle, die etwas ändern wollen und können, vor allem aber an Schulleiter, Lehrer, Unternehmer, Eltern, private Initia-tiven. Am wirkungsvollsten sind Netzwerke, in denen alle gemeinsam nach Lösungen suchen. Dabei kann man sich an bewährten Modellen orientieren. Es gibt aber keine Patentrezepte. Auf dem Land muss man anders an die Probleme herangehen als an großstädtischen „Brennpunktschulen“. Kinder aus Migrantenfamilien haben andere Hürden zu überwinden als Jugendliche mit einer Behinderung. Und Unternehmen, die nach gutem Nachwuchs suchen, sollten sich nicht allein an Schulzeugnissen orientieren. Manche beachten sie gar nicht – und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Autisten zum Beispiel können viele Aufgaben weit besser lösen als andere Mitarbeiter.

Was raten Sie Jugendlichen auf der Suche nach einer Stelle?

Ich bin kein Berufsberater. Wenn Jugendliche oder deren Eltern erst nach der Schule eine Stelle suchen, ist es oft schon zu spät. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie später zu den hunderttausend Abbrechern gehören, ist hoch. Jugendlichen muss möglichst lange vor Ende der Schulzeit eine realistische Vorstellung von der Berufswelt vermittelt werden – beispielsweise indem sie sich durch Praktika in möglichst vielen Berufsfeldern erproben. Dann darf man sie aber nicht nur auf ein Stühlchen setzen und zusehen lassen. Schülerpraktika ernst zu nehmen, liegt auch im eigenen Interesse der Unternehmen. Dabei zeigt sich oft, dass aus schlechten Schülern sehr gute Mitarbeiter werden können. Und umgekehrt führen die praktischen Erfahrungen oft dazu, dass aus schulmüden Kindern gute Schüler werden. Weil sie plötzlich verstehen, warum Lernen sinnvoll ist und sogar Spaß machen kann.

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BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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