Verdacht: Verband will Thema verhindern

Das Beste aus der Immobilie rausholen mit Home Staging. Nicht immer ein gern gesehenes Thema.
Das Beste aus der Immobilie rausholen mit Home Staging. Nicht immer ein gern gesehenes Thema.

Immobilienthemen sind bei meinen Kunden derzeit nicht sehr gefragt, obwohl die Zeit kaum besser sein könnte. Die Zinssituation ist zu gut, um langfristig wahr zu sein, die Preise explodieren, Mieterrechte werden vielerorts mit Füßen getreten. Trotzdem: Meine Kunden wollen diese Themen nicht drucken, dafür aber ein anderes, etwas exotischeres Immobilienthema: Home Staging. Dazu habe ich zwei Experten befragt – die Recherche verlief so unterschiedlich, wie man es kaum glauben möchte.

Home Staging bedeutet, dass man seine Immobilie in Szene setzt, bevor man sie zum Kauf anbietet. Man bringt sie ordentlich auf Vordermann, alleine oder mithilfe eines teuren Experten, das soll die Vermarktungszeit verkürzen und eventuell den Preis heben. Ich habe dazu zwei Verbände angemailt und um Interviews gebeten. Mit Haus & Grund war das Thema in Minimalzeit samt Zitatfreigabe durch. Mit einem anderen Verband lief es nicht so geschmeidig:

16. September. Ich bitte per Mail um ein Telefongespräch und gebe als mögliche Tage den 18., 19. oder 22. September an.
18. September. Ich habe von dem Verband keine Antwort bekommen und rufe darum an. Die Presseverantwortliche fährt mich an, sie habe es bereits bei mir versucht, das hätte ich ja wohl auf meinem Telefon gesehen. Meine ehrliche Antwort: Nein. Tatsächlich war ich zwar weg, aber von der Dame war kein Anruf eingegangen, auch keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Von anderen Anrufern wurden durchaus Gesprächsversuche angezeigt. Da ich mich nicht rechtfertigen muss, sage ich das der Dame nicht und bekomme auf mein Nein zu hören, das sei dann wohl mein Problem, wenn mein Telefon nicht funktioniere. Sie habe diese Woche keine Zeit, erst ab Dienstag. Das ist der Tag nach dem eigentlich letztmöglichen Termin. Wir einigen uns auf 9 Uhr morgens.
23. September, 9 Uhr: Ich lasse das Telefon sieben bis zehn Mal klingeln. Es geht niemand ran.
23. September, 9.05 Uhr: Die Dame entschuldigt sich nicht, dass sie zum vereinbarten Termin nicht da war, sagt stattdessen, sie habe auf dem Flur mit dem Kollegen geplauscht. Als ich sage, dass das Thema in Deutschland noch recht neu zu sein scheint, lacht sie laut und behauptet, es sei ein alter Hut. Nachdem wir mit meinen Fragen und ihren Antworten durch sind, fügt sie an, dass ihre Mitglieder auch Home Staging anböten, allerdings ohne dafür eine Gebühr zu verlangen. Es sei einfach Teil ihres Portfolios, um sich gegen die Konkurrenz abzuheben. Sie vergisst dabei zu erwähnen, dass ihre Mitglieder ganz direkt davon profitieren, wenn das Objekt zu einem möglichst hohen Preis den Besitzer wechselt. Der Grund für das eingepreiste Zusatzangebot ist also deutlich weniger selbstlos, als dem Kunden und im Gespräch mir vorgegaukelt wird.
25. September: Ich schreibe meinen Artikel.
26. September: Ich verschicke die Zitate zur Freigabe um 9.04 Uhr. Um 9.23 bekomme ich ihre Antwort: Sie finde sich in den Zitaten nicht wieder, so wolle sie nicht zitiert werden. Konkret verweist sie auf eine Stelle, die wohlgemerkt Fließtext ist. Heißt: Sie wird dort nicht zitiert, sie hat keinen Anspruch, das zu ändern, ich habe die Stelle lediglich als Kontext mitgeschickt. Ungewöhnlich: Sie hat keine Änderungsvorschläge für die Zitate, sondern schreibt nur, sie wolle so nicht zitiert werden. Konstruktiv ist etwas anders. Um 9.41 Uhr schreibe ich ihr, dass das schade ist und frage, ob ich sie richtig verstehe: Sie finde sich tatsächlich in keinem Zitat wieder und wolle komplett aus dem Text gelöscht werden? Antwort um 10.32 Uhr:

Liebe Frau Blass,

das ist wirklich schade. Da wir wahrscheinlich beide nicht die Zeit haben, erneut ein Gespräch zu führen, lassen Sie mich bitte komplett raus.

Viele Grüße

Ganz ehrlich: Das ist mir so in 17 Jahren als hauptberufliche Journalistin noch nie passiert. Natürlich komme ich ihrem Wunsch nach. Und natürlich werde ich sie in den nächsten Jahren nicht mehr anrufen, um sie als Expertin zu zitieren. Aber ich frage mich, was der Grund für dieses Verhalten ist: Ist sie nur unfassbar unprofessionell? Oder will der Verband mit diesem Thema nicht in Verbindung gebracht werden, weil mein Text etwas offen legen könnte, was man lieber verschleiern möchte? Nämlich dass es kostenlose Zusatzangebote schlicht und ergreifend nicht gibt, weil niemand etwas zu verschenken hat? Falls das der Grund wäre, wäre das aus meiner Sicht ziemlich armselig.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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