Mon Mon und Hello Barbie im V&A in London: die Zukunft im Museum

Das Victoria & Albert Museum (V&A) in London ist opulent, und das in jeglicher Hinsicht. Es ist so groß, dass man sich problemlos darin verlaufen kann. Es zeigt eine Vielzahl an Kunst- und Design-Objekten von Gemälden über Fotografien bis hin zu Juwelen. Und jeder einzelne Ausstellungsraum ist ein Schmuckstück an sich mit farbenfrohen Wandbehängen, riesigen Leuchtern und spannenden Vitrinen. Mit einer Ausnahme: die Rapid Response Collecting Gallery ist eher nüchtern. Irgendwo in diesem Internet hatte ich gelesen, dass dort sehr moderne Alltagsgenstände zu sehen seien, und so war diese Sammlung mein Ziel.

Das zu erreichen war aber gar nicht so einfach, denn wie gesagt: Das Museum ist riesig. Und wir haben uns verlaufen. Eine Dame fragte, ob sie uns helfen könne. Doch auch sie musste erst einmal nachdenken, bis sie uns den Weg zurück wies: einmal durch den langen Flur mit den dunklen Steinskulpturen, dann links in den Aufzug und nach oben. Im Plan ist die Rapid Response Collecting Gallery grün gekennzeichnet und fällt unter die Rubrik „Modern“. Eigentlich logisch.

Dabei sieht es gerade dort nicht so modern und hübsch aus, wenn man den Aufzug verlässt: Im Vergleich zu den anderen Räumen wirkt dieser langgezogene Schlauch mit seinen Schaukästen eher verstaubt und altbacken. Gezeigt werden im „grünen“ Bereich zunächst Gebrauchsgegenstände vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts wie beispielsweise Radiogeräte und Bauhaus-Möbel. Dann kommt ein Treppenhaus. Und danach ein Raum, in dem Design seit 1945 gezeigt wird. Dort liegt in einer Vitrine beispielsweise ein Exemplar der Datenbrille Google Glass. Oder ein Autotelefon, das so historisch wirkt, dass ich eine Sekunde überlegen muss, was das eigentlich war. Auch ein Smartphone findet man hier.

Unser eigentliches Ziel, so stellen wir fest, war aber tatsächlich die Gallerie rund um das Treppenhaus. Dort sind hinter Glasscheiben vor kühlen, silbergrauen Metallwänden die Objekte, die mich besonders interessieren – und sonst offensichtlich nicht allzu viele Leute. Denn während im V&A Menschenmassen unterwegs sind, bleiben wir über mindestens 30 Minuten in dieser Abteilung die einzigen Besucher. Mich fasziniert, was ich hier sehe:

  • eine Drohne
  • ein Fahrradlenker, der mit einem 3D-Drucker gefertigt wurde, individuell angepasst an seinen Besitzer.
  • eine Virtual Reality Brille von Oculus Rift
  • eine sprechende Barbie, Hello Barbie genannt, von Datenschützern nicht für gut befunden.
  • eine Pistole aus dem 3D-Drucker, den Bausatz dafür gibt’s im Internet.
  • ein Mon Mon. Ein was? Das Mon Mon, so lerne ich, ist ein vernetztes Kuscheltier, das mit der social media Plattform WeChat funktioniert. WeChat kommt aus China und hat es schon früh möglich gemacht, dass sich Menschen Sprachnachrichten schicken. Mit dem Mon Mon können Kinder unter anderem die Stimme ihrer Eltern hören, wenn diese lange unterwegs sind.

Spannend. Aber warum findet man diese Gegenstände in einem Museum?

Irgendwie ist ihre Zeit doch noch gar nicht richtig gekommen. Und auf keinen Fall schon abgelaufen. Im Gegenteil dürfte für viele Menschen hier nicht einmal die Gegenwart, sondern die noch fern-geglaubte Zukunft zu sehen sein. Ich frage die Pressestelle des Victoria & Albert Museums und bekomme bald die Antwort: „Es geht immer um das Design eines Gegenstandes“, sagt Kristian Volsing, Research Assistant in der Design-, Architektur- und Digital-Abteilung des V&A. „Unsere Abteilung hat ein großes Interesse an neuen Technologien und dem Design der modernen Produkte. In einem weiteren Sinn geht es uns jedoch auch um die aktuellen Themen und die damit in Zusammenhang stehenden Befürchtungen bezüglich des öffentlichen Lebens, der Privatsphäre, der Globalisierung, Energie und Politik.“ Die gezeigten Objekte müssen an sich mit einem speziellen Ereignis oder Problem verbunden sein, trotzdem wolle man genügen Raum für Interpretationen geben.

In der Gallerie ist Platz für zehn Objekte, so dass hier häufig etwas anderes zu sehen ist – rapid response eben, schnelle Reaktion. Im Prinzip kommen einmal im Monat neue Objekte in die Schaukästen, während ältere entnommen werden. Damit will man, wie es der Name schon sagt, dynamischer auf Ereignisse in der ganzen Welt und auf neue Technologien reagieren. Die Anregungen für neue Objekte, die ausgestellt werden sollten, bekommt man im V&A übrigens auf digitalem Weg – wen wundert’s? Auf der eigens eingerichteten Internetseite http://i-would-collect.appspot.com/ werden Tweets und Instagram-Posts von Leuten angezeigt, die mit #rapidresponsecollecting verschlagwortet sind.

Mein Fazit: Sehr interessant! Und eigentlich unerlässlich, wenn man einen gesellschaftlichen Diskurs dazu erzielen möchte, wie wir in Zukunft leben wollen. Wobei, wie das Ergebnis des Brexit-Referendums zeigt, so ein gesellschaftlicher Diskurs die Welt nicht zwingend besser macht.

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