Wo bleibt eigentlich die Netiquette?

Immer lächeln!
Immer lächeln!

Hate Speech scheint mir das Thema des Jahres zu sein. Kaum eine Medienkonferenz, die ohne ein Modul zum Thema auskommt, kein Bildungsträger, der nicht mindestens einen Workshop zum Thema anbietet. Berechtigt, durchaus, denn die Welle an Hass, Verleumdungen und Bösartigkeiten, die durchs Internet rollt, ist gigantisch. Auch meine Blogs bleiben nicht immer verschont von den Kommentaren von Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als ihren verbalen Müll auf digitalen Plattformen zu äußern.

Darum soll es jedoch in diesem Artikel gar nicht gehen. Mich treibt etwas anderes um: Ich habe das Gefühl, dass auch weit entfernt von Hate Speech viele Onlinenutzer zunehmend unhöflich zu ihren Kontakten werden. Im schlimmsten Fall wird diese Unhöflichkeit sogar öffentlich, beispielsweise bei Twitter oder Instagram. Und ich stelle auch fest, dass das Konsequenzen hat, letztlich für beide Seiten, und bei mir übrigens manchmal auch auf mein Offlineverhalten.

Ich kann mich gut erinnern, dass es Ende der 90er Jahre des letzten Jahrtausends war, als ich den Begriff Netiquette das erste Mal hörte. Der Onlineredakteur in der Redaktion, in der ich damals arbeitete, benutzte und erklärte ihn mir. Damals ging es auch um so triviale Dinge wie: Schreibe nie eine E-Mail in Blockbuchstaben, denn das wirkt, als ob du schreien würdest. Oder: Setze niemals mehrere Ausrufe- oder Fragezeichen hintereinander, denn das wirkt aggressiv und fordernd. Speziell diese letzte Regel scheint sich nicht wirklich durchgesetzt zu haben. Viel zu oft bekommt man Mails oder Kurznachrichten oder liest Posts, die nur noch aus Ausrufezeichen oder Fragezeichen zu bestehen scheinen. Rückblickend auf diese Zeit finde ich es fast amüsant, dass es diese Regel gab. Heute, so kommt es mir zumindest vor, ist der Ton sehr viel rauer geworden auch jenseits von Hate Speech. Einige Beispiele:

  1. Bei Twitter lese ich, dass sich jemand auf ein Wochenende in einer bestimmten Stadt freut. Da ich dort gerade erst war, und es mir gut gefallen hat, schreibe ich auf den Tweet zurück: „xy ist super! War ich im März. Coole Stadt!“. Antwort: „Das sagt immer irgendjemand über jede Stadt dieser Welt. Das hilft nicht so richtig weiter :-D“. Nun hatte der Tweet, der meine Antwort ausgelöst hatte, nicht den Eindruck erweckt, dass die Person noch weitere Tipps bräuchte. Umso unhöflicher finde ich persönlich diese Reaktion. Natürlich schicke ich jetzt die URL zu meinem Special über diese Stadt und noch einige Worte dazu. Antwort der anderen Seite: „Ich finde es interessanter, wenn Menschen schreiben WARUM sie eine Stadt / Land / Fluß toll finden.“ Sowie später: „Ich meinte das eher allgemein: finde konkrete Aussagen WARUM man etwas gut findet animierender als pauschales ‚Ist toll’ :-D“ – Man beachte die Großschreibung. Ich beende für mich diese Diskussion mit diesen Worten: „Wer’s genauer wissen will, fragt halt. Ich will niemanden mit Details nerven, die ihn vielleicht nicht interessieren.“

    Und was sind für mich die Konsequenzen? Ich werde dieser Person nie mehr auf einen Tweet antworten. Warum auch? Ich lege keinen Wert darauf, aus meiner Sicht völlig zu Unrecht kritisiert zu werden.

  2. Nochmals Twitter: Ich schicke einen Link zu einem Artikel und bekomme als Antwort: „Die Dachzeile macht ja mal gar keinen Sinn? Wieso ‚satte’ Preise, wenn es doch günstiger werden soll? O.o.“. Nach meiner Antwort, dass da nämlich nicht „satte Preise“ sondern „satte Ersparnisse“ steht, löscht der Kommentator seinen Antworttweet. Eine Entschuldigung folgt nicht dafür.
  3. Auch das freundliche Instagram ist längst nicht immer eine Wohlfühloase. Dort entspann sich eine hässliche Diskussion, nachdem ich ein Baustellenbild aus Hamburg gepostet hatte. Die Person, die mir hier schrieb, kannte ich sogar persönlich, wir hatten uns bei einer Bloggerveranstaltung kennengelernt. Meiner Meinung nach hat sie meine Antworten komplett missverstanden. Doch als ich ihr digital die Friedenspfeife reichte, hat sie sie ausgeschlagen. Konsequenz: Ich folge ihr nicht mehr bei Instagram, auch nicht bei Facebook. Wahrscheinlich ist ihr das egal. Eine bekannte PR-Verantwortliche, die die Diskussion verfolgt hatte, sprach mich darauf an. Ihr Tenor: So jemanden würde ich ja nie zu einer Presse- oder Bloggerreise einladen. Merke: Die Art in sozialen Netzwerken zu diskutieren, wird durchaus auch von potenziellen Kunden oder Arbeitgebern wahrgenommen. Der Umgang mit anderen ist also auch ein Teil des Personal Branding. Übrigens bin ich dann auch der Frage nach gegangen, ob stimmt, was sie behauptet: Ist Hamburg wirklich grüner als Köln?
  4. Bei Facebook habe ich eine Grafik geteilt, die zeigt, wie viele gewaltbereite Extremisten es von links, rechts und dem Islam in Deutschland gibt. Sehr interessant, wie ich finde, weil die Zahl der Rechtsextremisten deutlich am höchsten ist. Kommentar eines eigentlich lieben Kollegen:
    Unterschiedlicher Meinung bei Facebook
    Unterschiedlicher Meinung bei Facebook

    Man beachte die Großschreibung. Vielleicht bin ich da zu empfindlich, aber ich finde, eine solche Kritik kann man auch netter formulieren. Meine Antwort:

    Und die Antwort
    Und die Antwort

    Folge: Ich habe gar keine Lust mehr, mich mit dem Kommentator in der Offlinewelt zu treffen, und habe das seit damals auch nicht mehr getan.

  5. Nochmals bei Facebook habe ich einen Blogbeitrag verlinkt, warum ich mich an einem bestimmten Urlaubsziel nicht willkommen gefühlt habe. Ein Fan dieses Urlaubsziels hat sich sehr viel Zeit genommen, die Destination zu verteidigen, was ich grundsätzlich ganz toll finde. Dabei wurden aber auch Behauptungen aufgestellt, die so nie von mir geschrieben, oder aber sehr zwar ausführlich beschrieben, aber offensichtlich nicht gelesen worden waren. Einige Sätze aus den Kommentaren:

    „…Für mich sind viele geäußerten Kritikpunkte einfach nicht nachvollziehbar und sollten daher nicht als Bewertungsmaßstab herangezogen werden. … Immerhin fließt dieses vermeidbare Malheur nicht unwesentlich in das aus meiner Sicht völlig missratene Gesamturteil ein. … Eine Kritik mit etwas objektiveren Argumenten hätte mich da mehr überzeugt. … Eine etwas spärliche Bewertungsgrundlage für xyz, wie ich finde. … Insofern empfinde ich eine derartige Überschrift fast schon als unverschämt. Darf man fragen, wieviel Restaurant- und Cafébesuche für dieses vernichtende Urteil herangezogen wurden? Ich tippe auf eine Anzahl von < 5. ... Trotzdem unverschämt.“

    Tja. Das kann man schon machen. Sollte man sich aus meiner Sicht aber gut überlegen. Zumindest, wenn man sich ab und zu gegenseitig zu Feiern einlädt. Oder soll ich sagen: „eingeladen hat“? Auch wir haben uns seither nicht mehr persönlich gesehen.

    Mein Fazit: Ich nehme aus diesen unschönen Diskussionen zumindest eine Sache mit: In Zukunft noch viel genauer darauf zu achten, was ich wem wie digital mitteile. Und viel mehr das persönliche Gespräch zu suchen, wenn es zu Unstimmigkeiten kommt. Neulich lief nämlich mit einem wirklich lieben Freund eine Diskussion bei Facebook ebenfalls komplett in die falsche Richtung. Als ich das bemerkte, schrieb ich ihm eine Direct Message, um zunächst aus der zwar eingeschränkten, aber dennoch Öffentlichkeit herauszukommen. Dort schlug ich vor, dass wir telefonieren oder ein Kölsch trinken gehen könnten. Wir telefonierten eine Stunde, waren nicht immer einer Meinung, aber darum geht es ja auch gar nicht. Viel wichtiger ist, dass man Gegensätze ausdiskutieren kann, ohne so viele negative Gefühle dem anderen Gegenüber zu entwickeln, dass man ihn nicht mehr sehen möchte. Und das geht nun einmal viel besser in der Offline-Welt. Dort hört man auch die Zwischentöne in der Stimme, sitzt man sich gegenüber, spielen auch Mimik und Gestik eine Rolle. Das sollten wir bei allen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation nicht vergessen.

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