„Verpflichtet, sich mit Big Data auseinanderzusetzen“

Thomas Krüger eröffnet den Dienstag
Thomas Krüger eröffnet den Dienstag

Verbirgt sich hinter Big Data die totale Überwachung? Oder doch die Optimierung unserer Welt? Letztlich ist es von beidem etwas, wie Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung am Dienstag in seinem Vortrag zu den Bonner Gesprächen zur politischen Bildung 2016 hervorhob. Für die Wirtschaft allerdings, und das sei klar, für die Wirtschaft sei Big Data das neue Öl, sagte Krüger.

Die Gespräche fanden am Montag und Dienstag in dieser Woche statt, geboten wurden viele Workshops und Diskussionsrunden. Der Fokus lag auf Big Data. Bei Big Data geht es um Daten. Daten, die bei jedem Bürger im Alltag anfallen. Daten, die gesammelt und analysiert sowie in neue Zusammenhänge gebracht und vermarktet werden. Daten, die selbst wenn sie anonymisiert sind, relativ schnell einem Individuum zugeordnet werden können. „Big Data ist Realität, keine Vision“, sagte Thomas Krüger. Die Frage ist: Muss der Bürger das so hinnehmen? Informationelle Selbstbestimmung könnte ihn in seinen Freiheiten schützen, dazu aber, so Krüger, sei man auch verpflichtet, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Dass Daten gesammelt werden, ist nicht neu: Das Geschlecht, die Adresse, der Beruf und das Alter sind Daten, die lange schon an vielen Orten bekannt sind. Neu ist, dass diese Daten heute zusätzlich kombiniert werden mit Informationen zu Hobbys und Gewohnheiten, zu Daten, die wir gerne freiwillig in sozialen Netzwerken teilen, und die dazu führen, „dass der Konsument selbst zur Ware wird“, wie Krüger sagte. Doch nicht nur die Wirtschaft hat ein Interesse an diesen Daten, auch Staaten wollen möglichst viel über ihre Bürger wissen. „Dabei können Daten für Transparenz und zu mehr Demokratie führen“, so Krüger. Allerdings müsse man sich auch fragen, wo die Grenzen der Transparenz liegen, und ob Wissen zur Kontrolle genutzt werde. Beispiel Krankenkassen: Sie, so Krüger, sitzen auf einem Berg von Daten. Ihre Analyse könnte dazu führen, dass Menschen gesünder werden. Doch aufgrund des Datenschutzes werden sie nicht analysiert. Würden Sie aufgrund der freiwilligen Erlaubnis der Versicherten analysiert, müsste man nach den Konsequenzen fragen: Müssten gefährdete Versicherte dann höhere Beiträge zahlen? Und wer legte in diesem Fall überhaupt fest, was gesund ist?

Trugschlüsse im Umgang mit großen Daten

Fukami, IT-Sicherheitsberater und Mitglied im Chaos Computer Club, sprach in einem der anschließenden Workshops am Dienstag über die Probleme mit und von Big Data: „Man glaubt, damit die Dinge besser im Griff zu haben, doch das ist eine Illusion“. Die große Gefahr liege in der Missinterpretation der Statistiken.

Big Data Konferenz in Bonn
Big Data Konferenz in Bonn

„Was vor zehn Jahren HighTech war, passt heute in ein Smartphone“, sagt er. „Hinzu kommt, dass jetzt Leute einen Umgang mit diesen Daten haben, die sich oft nicht damit auskennen.“ Er höre beispielsweise immer wieder von bösen Algorithmen. Dabei, so Fukami, sei ein Algorithmus nicht gut oder böse. „Die Frage muss sein, ob er geeignet ist für eine bestimmte Fragestellung – oder eben nicht.“

Ein weiteres Problem sei die Erhebung anonymisierter Daten, denn es habe sich schon oft gezeigt, dass es eigentlich keine anonymen Daten gibt. Beispiel Netflix: Dort hat man anhand selten gesehener Filme Nutzer identifiziert. Mit zwei Filmen konnte man rund 70 Prozent der Nutzer identifizieren, mit acht nahezu 100 Prozent. Auch Amazon wisse viel über seine Kunden – schon alleine aufgrund der Wohnorte der vergangenen Jahre und der Kreditkartennummer. „Daten“, so sagt Fukami, „kann man nicht zurückholen. Wir können aber dabei helfen, dass die jüngeren Generationen mit ihren Daten jetzt und künftig sorgfältiger umgehen.“

Zahnbürste, Bett, Mülleimer: Alle sammeln Daten

Markus Morgenroth, einst Software Engineer in den USA, der verhaltensbasierte Datenanalysen durchführte, hat die Seite gewechselt und warnt heute vor Big Data. „Ich höre immer ‚Ich habe nichts zu verbergen’, ‚Wen interessiert, was ich mache?’ und ‚Wer soll all diese Daten auswerten?’“, sagt er. „Ich antworte dann: Genau das wird gemacht. Auch mit deinen Daten.“ Kundenkarte, Umfragen, Behörden, Ärzte, Gewinnspiele und Banken sammelten schon lange Daten, und das sei bekannt. Neu sei, dass auch die elektrische Zahnbürste, die mit einer App auf dem Smartphone gekoppelt ist, Daten sammelt. Das Bett, in dem eine Matte mit Sensoren besseren Schlaf verspricht, oder der Mülleimer für 35.000 Euro, der in Londons Straßen stand. In den USA, so Morgenroth, habe es bereits einen Fall gegeben, in dem ein Mann eine Zahnzusatzversicherung abschließen wollte. Doch die wurde ihm nur zu hohen Preisen angeboten, da er anscheinend die Zahnpflege laut gesammelter Daten nicht ganz ernst nahm. Auch die Geschichte eines LKW-Fahrers erzählt er, der einen Unfall hatte. Die Auswertung der Daten seiner Schlafmatte ergab, dass er zu wenig geschlafen hatte. Und die Mülleimer in London mussten nach einem Aufschrei der Bevölkerung wieder abgebaut werden, nachdem diese erfahren hatte, was dort an Informationen gesammelt wurde.

Das seien jedoch nur wenige Beispiele. Auch Straßenlaternen in Barcelona, Autos mit Blackbox, Schaufensterpuppen aus Italien, Babyschuhe, die die Herzrate und Kontaktlinsen, die den Blutzucker messen sowie Wildkameras im Wald sammelten Daten, Webseiten, social media Plattformen, Suchmaschinen, Mail- und Chatanbieter sowie Computerspielehersteller. Die Daten, die bei letzteren auflaufen, seien speziell in den USA derzeit der Renner in Personalabteilungen. „Sie geben Auskunft darüber, ob ein Bewerber unter Druck richtig handelt und schonend mit Ressourcen umgeht.“ 1500 Datenpunkte zu jedem Haushalt in Deutschland lobt sich der weltweit größte Datensammler Axciom zu haben, sagt Morgenroth. Darunter Daten wie das Einkommen, die Größe der Wohnung, die Höhe der Miete, Kaufgewohnheiten. Wie leicht man diese Daten kaufen kann, zeigt er am Beispiel Schober: Dort kann man gezielt nach einer Altersgruppe in einem bestimmten Postleitzahlenbereich in einem bestimmten Haustyp und mit bestimmten Interessen suchen. Dann kostet eine Adresse unter zwei Euro.

Auch wie es zu diesen Datenpools pro Person kommt, zeigt er: Beispiel Supermarkt. Wer dort zum Beispiel die Paybackkarte einsetzt, übermittelt Daten an einen Datenhändler. Der kooperiert mit Facebook und Ebay und kann so die Profile erweitern. Kommen dann die Datensätze eines zweiten Händlers dazu sowie die von Behörden, aus Gewinnspielen, aus dem Krankenhaus, von Versicherungen und so weiter, hat man schnell 1500 Datenpunkte zusammen. Morgenroths Fazit: „Es gibt keine unwichtigen Daten. Alle Daten werden gesammelt, analysiert und vermarktet.“ Und: Anonym ist nicht wirklich anonym.

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