Was ein Tagessatz von 152 Euro mit Korruption zu tun hat

Teure Uhren, eine Eigentumswohnung, ein Altersvorsorgekonto - Korruption hat viele Gesichter.
Teure Uhren, eine Eigentumswohnung, ein Altersvorsorgekonto – Korruption hat viele Gesichter.

Timo Stoppacher hat gestern auf Fit für Journalismus vorgerechnet, was von einem Tagessatz von 152 Euro übrigbleibt. Aufhänger für diese Geschichte ist eine Stellenanzeige von sz.de. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: In der Woche bleiben etwas mehr als 100 Euro übrig. Ich habe mich gestern Abend gefragt, wie empfänglich man da wohl für Nettigkeiten wird. Und nun behaupte bitte niemand, Korruption gäbe es im Journalismus nicht.

Die Süddeutsche ist nicht das einzige Medium, das freie Journalisten schlecht bezahlt. Eine andere große süddeutsche Zeitung tut sich mit fairen Löhnen für Freie genauso schwer wie ein Unternehmen, das freie Dozenten sucht. Ich habe darüber nachgedacht, was passiert, wenn einem monatlich wirklich kaum etwas zum Leben bleibt. Wenn man vielleicht sein BAFöG zurückzahlen oder einem Kind etwas bieten möchte.

Ich fürchte, man ist in solchen Situationen offen für Gefälligkeiten. Gerade als Wirtschaftsjournalist hat man es mit oft mächtigen Unternehmen zu tun. Wissen die, wie wenig ihrem Gesprächspartner zum Leben bleibt, ist ein Angebot an ihn naheliegend. Natürlich gibt es auch in Medienhäusern heute Compliance Regelungen, die Journalisten untersagen, Geschenke anzunehmen. Aber Hand aufs Herz: Wenn ich nichts zu essen im Kühlschrank habe, was juckt mich dann eine unterschriebene Compliance Erklärung? Wir müssen auch nicht so tun, als ob es in Deutschland keine Korruption gäbe: Im Korruptionswahrnehmungsindex liegt die Bundesrepublik auf Platz 12.

Außerdem kenne ich einige Geschichten von Kollegen:

  • Als Journalismus noch vergoldet wurde, mussten Unternehmen klotzen, nicht kleckern, wenn sie etwas erreichen wollten. Darum bekam ein Kollege, der jetzt in Rente ist, damals eine Eigentumswohnung in Köln angeboten, wenn er seinen Bericht nicht veröffentlichte. Er hat dankend abgelehnt.
  • Ganz so sauber sind nicht alle Kollegen: Einer baute ein Haus und benötigte eine neue Küche. Nachdem er über einen sehr teuren Küchenhersteller berichtet hatte, stand eine Küche dieser Marke in seinem neuen Haus. Ich habe sie gesehen. Vielleicht tue ich ihm unrecht, und er hat den vollen Preis dafür bezahlt. Aber ein Gschmäckle hat die Geschichte. Gleicher Kollege wurde Vater – und berichtete von der Spielwarenmesse in Nürnberg. Man sagte, sein Kofferraum sei voll mit Spielsachen gewesen. Ein guter Freund, der damals noch Berufseinsteiger war, hatte ein ganz eigenes Erlebnis mit diesem Kollegen, der häufig Blindverkostungen durchführte. Getränke und Speisen kredenzte man auf teurem Porzellan oder in feinem Glas. Die Unternehmen hatte man vorher als Kooperationspartner ins Boot geholt. Die Firmenvertreter gaben dem Kollegen stets das gebrauchte Geschirr mit – er möge es in der Redaktion verteilen. Als sich nun mein Freund aus dem Kofferraum einige Gläser nehmen wollte, wurde ihm das vom älteren Kollegen untersagt: Das sei ein Geschenk nur an ihn, hieß es da plötzlich.
  • Mir wurden auch merkwürdige Angebote gemacht – zugegeben: schon lange nicht mehr. Zuletzt war es ein Finanzdienstleister. Er schlug mir vor, den Link zu seinem Tool möglichst oft in Texte einzubauen. Für jeden Abschluss der darüber zustande komme, wolle er mir eine dreistellige Summe auf mein bei ihm kostenlos geführtes Altersvorsorgekonto einzahlen. Eine Art frühes affiliate Marketing also. Allerdings weder transparent noch der journalistischen Neutralität entsprechend.
  • Dann gibt es da noch die Geschichte eines Kollegen, der auf die Autobranche spezialisiert war. Er erzählte mir, nach einigen Veranstaltungen sei es normal, dass die männlichen Kollegen ins Bordell eingeladen werden.
  • Eine ähnliche Geschichte erzählte mir ein Kollege, der auf Technik spezialisiert ist. Allerdings fragte da das einladende Unternehmen am nächsten Morgen diejenigen, die das Angebot angenommen hatten, ob sie nicht ihre Berichterstattung überdenken wollten. Sonst bekämen die Ehegattinnen eine DVD mit den Erlebnissen ihrer Männer in der Nacht zugeschickt. Ob diese Geschichte stimmt, weiß ich nicht, weil ich sie nur über Ecken gehört habe. Sie ist jedoch vorstellbar und sollte allen eine Warnung sein.

Jetzt nochmals zurück zum Anfang: Ein Medienhaus, das seriösen Journalismus liefern möchte, sollte das nicht seine Schreiber so gut entlohnen, dass diese gar nicht erst überlegen, solche Angebote anzunehmen? Natürlich wird es immer jemanden geben, der gierig ist, der noch mehr will, der die Hand aufhält – und veröffentlicht, was man ihm diktiert. Trotzdem halte ich eine angemessene Bezahlung für ein sinnvolles Instrument, um objektive Berichterstattung nicht in Gefahr zu bringen. Ganz abgesehen davon, dass sie einfach fair ist gegenüber dem, der gute Arbeit leistet.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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