Eine Moderation richtig vorbereiten und dann durchstarten

Mir schlägt das Herz bis zum Hals – und erstmals spüre ich am eigenen Leib, dass das nicht nur eine Redensart ist. Ganz deutlich spüre ich den Herzschlag unter der dünnen Haut pochen, und ich frage mich, wie auch nur ein einziger Ton gleich aus meiner Kehle kommen soll. Am Liebsten würde ich mich unter einem Tisch verstecken, die Biologen sprechen hier wohl vom fight or flight Syndrom. Noch könnte ich abhauen, aber da wird schon die letzte Folie an die Wand geworfen, und ich weiß, ich muss gleich auf die Bühne um eine Podiumsdiskussion zum Thema Zukunft der Banken beim Frankfurter Medienmittwoch zu moderieren.

Man könnte meinen, dass mich dieser Auftrag der ING DiBa kalt lässt. Schließlich unterrichte ich seit zehn Jahren als Lehrbeauftragte an der Uni. Ich gebe Workshops, sitze selbst als Gesprächsteilnehmer in Talkrunden, war als Interviewpartner beim Fernsehen und habe dieses Jahr mehrere Vorträge auf Englisch vor US-amerikanischen und chinesischen Studenten gehalten. Wo also ist das Problem?

Publikumsabfrage. Quelle: ING DiBa
Publikumsabfrage. Quelle: ING DiBa

Es gibt zwei Antworten auf diese Frage:

  1. moderiere ich nur selten Gesprächsrunden – und ich bin ein gebranntes Kind. Bei meiner ersten Moderation vor rund zehn Jahren lief nämlich die anschließende Publikumsrunde aus dem Ruder. Es ging um ethische Geldanlage, und unter den Zuschauern saßen einige Leute, die mal so richtig Krawall machen wollten. Die Gesprächsrunde war bis zu diesem Punkt sehr gut gelaufen. Aber was da passierte, konnte ich nicht mehr steuern. Danach habe ich flugs bei der geschätzten Kollegin Martina Lenz ein Moderationstraining besucht, um für künftige Überfälle dieser Art besser gewappnet zu sein. Das allerdings liegt auch schon lange zurück. Meine Erinnerungen an diese Diskussion sind aber noch so präsent, dass ich fast schon den Auftrag der ING DiBa ablehnen wollte. Aber ich sagte mir, dass ich da durch müsse, um endlich diese Erfahrung abhaken zu können.
  2. Es gibt überhaupt kein Problem. Ohne ein bisschen Adrenalin im Blut wäre es unmöglich, ein solches Gespräch zu leiten, die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt zu stellen, Spannung aufzubauen. Zusätzlich hatte ich meine Moderation generalstabsmäßig geplant: Ich habe alle vier Gesprächsteilnehmer im Vorfeld telefonisch gesprochen, sie auf die Themen und auf meine Fragen und die passende Antwortlänge vorbereitet. Jedes Gespräch dauerte etwa 20 Minuten und ich schrieb auf, was sie mir erzählten. Daraus leitete ich Fragen ab. Ich schrieb meine Moderationskarten – wichtige Stellen wurden fett oder in rot gedruckt. Jede Karte hatte eine Seitenzahl, rechts oben stand die zu erwartende Uhrzeit, um die Diskussion nicht zu überziehen. Dass ich gar keine Uhr habe, und für mein Handy kein Platz war, ist eine andere Geschichte. Ich hatte das Glück, dass mir ein Besucher seine Uhr lieh.
Körpersprache: Sagen Sie bloß nichts Falsches! Quelle: ING DiBa
Körpersprache: Sagen Sie bloß nichts Falsches! Quelle: ING DiBa

Wie ich eine Moderation vorbereite

Zurück zur Vorbereitung: Ich teilte den Gesprächsteilnehmern den geplanten Ablauf mit: Begrüßung, wie ich sie vorstellen würde, die Einstiegsfragen. Zusätzlich nannte ich ihnen die Themenblöcke in ihrer Reihenfolge und die Ausstiegsfrage. Auch der Veranstalter Medienmittwoch und mein Kunde ING DiBa hatten alles bestens organisiert: Wir waren eine Stunde vorher da, plauderten uns warm, wurden verkabelt, die Beamer-Höhe wurde so angepasst, dass das Licht im Sitzen nicht blendete. Es konnte nichts schief gehen.

Dieses Gefühl war mir wichtig. Denn vor einiger Zeit war ich als Gast bei einem Podium, und dort lief es ganz anders. Weil der Moderator sich nicht bei mir meldete, schrieb ich ihm eine Mail. Keine Antwort. Ich xingte ihn an. Nichts. Kurz vor der Veranstaltung dann elektronische Post: Wir seien ja alle Profis, da sei ein Vorgespräch nicht nötig. Wir würden uns eine Stunde vorher treffen, dann könnten wir alles klären. Gut, dachte ich, dann halt so. Letztendlich hatte der Moderator Glück, dass er wirklich mit Profis dort saß: Wir hielten kurze Spontanpräsentationen und erzählten die wichtigen Dinge, nach denen er uns leider nicht fragte. Hat auch geklappt. Er hatte nicht viel Arbeit damit – das Publikum hätte aber von einer strukturierten Veranstaltung sicherlich mehr gehabt.

Spontaneität ist trotz Vorbereitung wichtig

Medienmittwoch bei der ING DiBa zur Zukunft der Banken. Quelle: ING DiBa
Medienmittwoch bei der ING DiBa zur Zukunft der Banken. Quelle: ING DiBa

Ich will es besser machen, als ich die Bühne betrete. Besser, als beim ersten Mal, besser als der schlecht-vorbereitete Kollege. Im dritten Satz kommt ein Wort leicht krächzend heraus, es soll das einzige Mal sein, dass die Atmung nicht zum Sprechen passt. Von da an läuft es, selbst, als meine Diskutanten einige Male aus der Struktur ausbrechen. Das gehört dazu, sonst würde Spontanietät fehlen. Doch ich spüre dabei, wie sich mein Körper spannt, wie ich mit aller mir möglichen Aufmerksamkeit nach dem richtigen Zeitpunkt spähe, um das Gespräch wieder einzufangen. Und es gelingt.

Nach einigen Minuten bin ich ruhiger. Ich freue mich, wenn das Publikum lacht, wir scheinen unsere Sache gut zu machen. Nur noch die Zuschauerfragen: Eine junge Dame gibt das Mikro einem älteren Herren. Er stellt eine Frage, dann holt er langatmig aus. Die rote Lampe im Kopf geht an. „Gib niemals das Mikro aus der Hand“ höre ich den Axel Buchholz sagen, der mir vor vielen Jahren Radiojournalismus beibrachte. Ich gehe zu dem Herren, nehme ihm ganz nett das Mikro ab, lasse ihn noch kurz reden und nehme dann das Ruder wieder in die Hand. Die anderen Zuschauer fassen sich kürzer, die Zeit ist um. Das Mikrophon-Gestell drückt an den Ohren, das Scheinwerferlicht brennt auf der Haut, es ist vorbei, ich falle in mich zusammen wie ein Ballon, dem die Luft ausgeht.

Weg mit der Verkabelung. Quelle: ING DiBa
Weg mit der Verkabelung. Quelle: ING DiBa

Zu meinem Erstaunen habe ich keine Zeit durchzuatmen, denn der Kunde, der Veranstalter und Gäste aus dem Publikum kommen in der nächsten Stunde auf mich zu und loben mich für die Moderation. Ich freue mich aufrichtig, denn ich hatte nicht damit gerechnet. „Wo haben Sie so gut moderieren gelernt?“, fragt mich ein Zuschauer. „Eigentlich gar nicht!“, sage ich. „Ich mache das nur ganz selten“. Er schaut ungläubig.

Beschwingt schlafe ich ein, beschwingt wache ich auf. Ein Diskussionsteilnehmer ruft mich an, um sich bei mir nochmals für den Abend zu bedanken. Ich freue mich noch immer. Der Kunde meldet sich und bietet mir ein höheres Honorar an. Ich freue mich noch mehr. Eine PR-Agentur kontaktiert mich bei Xing. Auf Nachfrage will sie mir aber nur ein Thema samt Gesprächspartner zur Zukunft der Banken unterjubeln. Doch selbst das kann meine gute Laune heute nicht dämpfen. Ich freue mich noch immer.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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