Social Media, Künstler und Konzerte

Mein Instagram-Bild
Mein Instagram-Bild

Viele Musiker wollen nicht, dass sie bei ihrem Konzert fotografiert werden: Bob Dylan beispielsweise. Regelmäßig verzichten in diesen Fällen Medien dann komplett auf die Berichterstattung über das Konzert. Zurecht, wie ich finde. Eine Freundin erzählte mir, sie sei beim Barbara Streisand Konzert in der Lanxess Arena in Köln vor einigen Jahren gewesen. Damals seien Ordner im Minutentakt vorbeigekommen, spätestens aber, wenn irgendwo ein Handy-Display aufblitzte: Fotografieren verboten. Gerade Barbara Streisand, nach der im Internet ein Effekt benannt wurde, nämlich der, dass ein Verbot der Veröffentlichung dazu führt, dass im Internet Dinge noch deutlich leichter gefunden werden als zuvor, weil sie massenhaft eingestellt werden. Nun ja.

Ich selbst wurde in der Kölner Philharmonie schon strengstens ermahnt, nicht zu fotografieren, dabei war das Licht noch an und die Künstler nicht einmal auf der Bühne. Und Marius Müller-Westernhagen bat eindringlich bei seinem großartigen Konzert, die Songreihenfolge nicht über soziale Kanäle bekannt zu geben. Nun ja.

Ganz anders Hans Zimmer, der Komponist von Musik für Filme wie Rain Man, Gladiator oder König der Löwen. Ich saß in der Lanxess Arena beim Konzert zwar ganz oben, aber trotzdem konnte ich die großen Displays neben der Bühne erkennen, auf denen der Musiker darum bat, Fotos des Konzerts über Facebook, Twitter und Instagram zu teilen, und zwar mit dem Hashtag #hanszimmerlive. Ergebnis bei Instagram: Fast 10.000 Fotos Anfang Mai – als ich Ende April im Konzert war, waren es noch rund 5.000. Auch bei Twitter findet man viele positive Tweets, und bei Facebook sieht es ebenfalls gut aus. Schlau, der Hans Zimmer, der sein Publikum für ihn PR machen lässt – authentisch und ohne es bezahlen zu müssen. Im Gegenteil: Das Publikum bezahlt dafür, seine Musik hören zu dürfen. Im übrigen ein überwiegend sehr junges Publikum, dass offenbar bereit ist, hohe Ticketpreise zu bezahlen – und außerdem natürlich über soziale Medien kommuniziert. Ein bisschen erinnerte mich der Aufruf Zimmers an „Pay with a Post“-Aktionen von Unternehmen. (demnächst mehr)

Leider nicht auskunftsfreudig

Ein Like von Hans Zimmer
Ein Like von Hans Zimmer

Zwar finde ich ein Foto der sich füllenden Lanxess Arena nicht besonders prickelnd, aber natürlich musste ich ausprobieren, was passiert, wenn man es mit dem entsprechenden Hashtag verschlagwortet veröffentlicht: Die Reaktion kam ziemlich prompt. Ein Like des offiziellen Instagram-Accounts von Hans Zimmer, neun Likes von meinen Followern. Für ein wenig spannendes Bild nicht ganz schlecht.

Mich interessierte, warum Hans Zimmer dazu aufruft, dass seine Konzertbesucher Erinnerungen teilen, ob er mit dem Ergebnis zufrieden ist, ob es in Ordnung wäre, wenn auch Video- oder Tonaufnahmen geteilt würden, was ja mit den modernen Smartphones überhaupt kein Problem ist. Oh, und natürlich wollte ich wissen, ob während des Konzerts ein Social Media Team aktiv ist und wie viele Leute da das Netz beobachten. An diesem Punkt endete allerdings die Lust an sozialen Medien beim Management von Hans Zimmer: Da er derzeit auf Tournee sei, könne er mir diese Fragen nicht beantworten, teilt mir Taylor per Mail mit. Gut, kann ich verstehen. Wobei ich finde, dass meine Fragen so allgemein gehalten waren, dass auch die PR-Verantwortlichen sie hätten beantworten können. Also fragte ich, ob es zu einem späteren Zeitpunkt eine Chance auf eine Beantwortung geben könnte. Antwort:

Antwort des Managements
Antwort des Managements

Oder anders gesagt: Nö. Eher nicht.

Schade.

Kurz danach habe ich einen Post der geschätzten Kollegin Ute Korinth bei Facebook gesehen:

Was Ute beschäftigte
Was Ute beschäftigte

Ich sprach sie darauf an, und die Social Media Managerin und Kultur-PR-Frau aus Dortmund erzählte mir, dass das Theater in Dortmund, das Dortmunder U und die Philharmoniker stark auf soziale Kanäle zur Image-Pflege setzten: Da gebe es beispielsweise Tweet-ups, bei denen für die Twitterer spezielle Stühle reserviert seien. Sie bekämen sehr vorausschauend einen Guide, um die anderen Konzertbesucher nicht zu stören: Fotografieren ohne Blitz, Display nicht ganz hell stellen. Andere Möglichkeit: Die Generalprobe nutzen, um social media Akteure das Konzert anteasern zu lassen. Oder es gibt VIP-Twitterer, die im Vorfeld zum Essen eingeladen werden und von den Musikern eine Einführung bekommen. „Das war sehr hilfreich“, sagt Ute Korinth. „Denn ich gebe zu, dass ich von Klassik nicht so viel Ahnung habe, dass ich darüber ohne diese Einführung sinnvoll hätte twittern können“. Die Folge der vielen Posts im Auftrag der Kultur auf Facebook, Snapchat, Twitter oder Instagram: volle Konzerte und ein großes Interesse an allem was mit diesen Einrichtungen zu tun hat.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass das Teilen des Erlebten nach rund zehn Jahren social media für viele Nutzer zum Alltag gehört. „Ich halte es da mit dem alten Goethe“, sagt Ute Korinth: „‚Geteilte Freud‘ ist doppelte Freud’ – und ich hätte meinem Freundeskreis auf Facebook wirklich gerne in diesem Moment mitgeteilt, dass ich in einem wunderschönen Konzert sitze.“ Tja. Schade für Ute und ihre Freunde. Verschenkte Chance für die Musiker. Und die Hoffnung, dass noch mehr Veranstalter soziale Medien künftig eher als Chance denn als Gefahr wahrnehmen.

Übrigens war ich vor zwei Jahren als Live-Twitterer beim Beethovenfest. Eine wunderbare Erfahrung!

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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