Genossenschaftlich geführtes Gasthaus: Die Krone Schenke in Unsleben

Screenshot Schenke Unsleben
Screenshot Schenke Unsleben

Maximal 30 Minuten gibt mir Gertraud Balling, als ich sie an einem Freitagmorgen um halb zehn in der Krone Schenke im bayrischen Unsleben anrufe. Kein Wunder: In der genossenschaftlich geführten Gaststätte muss heute ein 60. Geburtstag gestemmt werden: Zwar arbeiten in der Küche bis zu vier Personen und auch im Service sind bis zu vier Leute tätig, hinzu kommen zwei Reinigungskräfte. Doch fast alle arbeiten nur in Teilzeit, und manche Arbeiten müssen eben auf freiwillige Schultern aus dem Dorf verteilt werden. Dazu gehört heute Servietten zu falten und Besteck zu polieren – nur zwei kleine Aufgaben, die Gertraud Balling, Vorstandsmitglied der Genossenschaft, an diesem Freitag übernommen hat.

Früher gab es in Unsleben, einer Gemeinde in Bayern mit rund 950 Einwohnern, fünf Gaststätten. Doch eine nach der anderen hat zugemacht. „Es war absehbar, dass es über kurz oder lang keine Wirtschaft mehr hier geben würde“, sagt Gertraud Balling. „Das wollten die Bürger nicht.“ Und da die Krone Schenke schon seit fünf Jahren leer stand, hat man 2012 einen Entschluss gefasst: Eine Genossenschaft sollte das Gasthaus führen. „Der Renditeaspekt steht dabei aber nicht im Mittelpunkt“, sagt Gertraud Balling. „Uns geht es um Lebensqualität im Ort“. Und die lässt sich mit der Krone Schenke steigern, denn neben der Gaststätte selbst gibt es hier einen großen Saal für Familienfeste, einen Biergarten und eine Kegelbahn.

Würden Sie es nochmals tun?
Mit einigen Änderungen: Ja! Ich finde die Idee der Genossenschaft brillant. Wir machen aber nicht nur den Betrieb des Gasthauses, wir haben vorher auch als Genossenschaft das Gebäude erworben und renoviert. Über die erbrachten Eigenleistungen konnten sich die Dorfbewohner Anteile erarbeiten. Und das war ein enormer Aufwand, denn diese Arbeiten waren für uns ein geldwerter Vorteil, der versteuert werden musste. Wir hatten hier 70 Mann, die freiwillig und ehrenamtlich arbeiteten, aber natürlich nie alle gleichzeitig. Man wusste nie genau, wer wann kommt und wie lange was macht. Auch darum hatten wir einen großen bürokratischen Aufwand mit der Dokumentation. Wir mussten ein Bautagebuch führen und diverse Tabellen – für die Knappschaft beispielsweise.

Außerdem ist die Genossenschaft an sich ein kompliziertes Konstrukt, das zuvor geprüft werden muss und alle zwei Jahre erneut geprüft wird. Hinzu kommt, dass man selbstverständlich auch eine Buchhaltung machen muss, und wenn man davon keine Ahnung hat, sollte man sich das gut vorher überlegen.

Wie haben Sie das gelernt?
Wir haben im Ort einen Fachmann für Genossenschaften, der hat uns natürlich unterstützt. Ich habe mich außerdem von jemandem beraten lassen, der sich mit Personalabrechnungen auskennt. Den Kontakt hatte der Bürgermeister hergestellt. Natürlich könnten wir das auch von einem Dienstleister machen lassen, aber das wäre viel zu teuer. Mit den anderen Dingen, beispielsweise Organisationsstrukturen, kenne ich mich aus. Ich bin Hauswirtschaftsleiterin und Betriebswirtin im Hotel- und Gaststättengewerbe.

Wie organisieren Sie den Ablauf in der Krone Schenke?
Unsere Leute sind angestellt, die Genossenschaft ist der Arbeitgeber. Allerdings können die Mitarbeiter natürlich nicht alles machen. Wenn die Fenster mal wieder geputzt werden müssen, wir haben 46, ist es darum ganz praktisch, dass wir im Dorf einen Aufruf machen können: Bitte am Freitag mal fünf, sechs Frauen mit Putzeimer und Lappen in die Krone Schenke kommen!

Was raten Sie anderen Dörfern, die eine genossenschaftliche Kneipe gründen wollen?
Das ist abhängig davon, was man will: ein Café? Eine Kneipe? Eine Kneipe, die nur am Wochenende geöffnet ist? Will man das nur für die Dorfbewohner – oder sollen auch Ortsfremde einkehren? Welche Räumlichkeiten stehen zur Verfügung? Wie ist der Zusammenhalt im Dorf – das ist eine ganz wichtige Frage, und auch die, wer welche Erfahrungen gemacht hat. Ein wesentlicher Punkt: Wir wollten ja, dass sich möglichst viele beteiligen. Darum konnte man Anteile schon ab 100 Euro erwerben. Das würde ich heute nicht mehr machen. Ich würde eher 500 Euro ansetzen. Denn ob sich jemand mit 100 oder 1000 Euro beteiligt: Der Aufwand ist immer gleich hoch. Das Ergebnis allerdings nicht.

Heute gibt es übrigens sogar zwei Gasthäuser in Unsleben: „Ein russisches Restaurant hat kurz nach uns eröffnet“, sagt Gertraud Balling. „Beide Gasthäuser werden von den Bürgern angenommen. Der Volleyball-Stammtisch beispielsweise trifft sich einmal hier, das nächste Mal dort.“

In Bayern gibt es noch deutlich mehr Gasthäuser und Brauereien, die genossenschaftlich geführt werden. Natürlich auch in anderen Regionen der Bundesrepublik.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthemen und Buchautorin.

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