Mobile Reporting aus China

Handyladestation in Suzhou
Handyladestation in Suzhou

Im Urlaub keine Mails abrufen zu können, das ist für mich keine Erholung, sondern Stress. Und zwar ganz einfach deswegen, weil ich dann am ersten Tag im Büro viele hundert elektronische Nachrichten abrufen muss. Dazu habe ich keine Lust. Darum investiere ich lieber im Urlaub pro Tag einige Minuten und kann so sogar Aufträge annehmen, die mir sonst durch die Lappen gingen. Schon alleine darum ist es mir wichtig, im Urlaub online gehen zu können. Da ich außerdem die Auszeit mit dem größten Vergnügen nutze, um neue Apps zu testen und von unterwegs zu berichten, bin ich eigentlich nur dann glücklich, wenn ich Tablet und Smartphone voll funktionsfähig bei mir habe. Selbst in China.

Nun gibt es im Land des Lächelns nicht nur die Chinesische Mauer zu besichtigen, sondern als Internetnutzer aus dem Westen muss man vor allem die Great Chinese Firewall umgehen, wie die eingeschränkte Nutzung des Internets dort gerne umschrieben wird. Dazu benötigt man eine VPN-App. Sie gaukelt vor, dass man sich in einem anderen Land aufhalte, also beispielsweise in den USA – und schon hat man freien Zugang zu Facebook & Co. Allerdings gibt es VPNs wie Sand am Meer. Und ehrlich gesagt habe ich nicht wirklich verstanden, wie ich sie benutzen sollte. Ich hörte mich im Bekannten- und Kollegenkreis um – und bekam tatsächlich einen Tipp: Eine Kollegin, die häufig in China arbeitet, empfahl mir eine Software, die auch eine App anbietet. Ich lud sie kostenlos herunter und erwarb kurz vor Abflug einen Monatspass für rund zwei Euro für beide Geräte. Ruckzuck war in Deutschland eine VPN-Verbindung hergestellt und ich fühlte mich gut gerüstet.

Tatsächlich hatte unser Hotel in Beijing W-Lan, doch ich kam trotz VPN nicht ins Netz. Ich probierte dies und jenes, App ausschalten, Gerät ausschalten, VPN ausschalten – schließlich öffnete ich die App erneut und wurde gebeten, mich neu zu lokalisieren, mein Aufenthaltsort habe sich wohl geändert. Und – zack – ich war im Netz. Alles funktionierte: WordPress, Instagram, Facebook, jede Webseite.

Kauf einer chinesischen SIM-Karte
Die nächste Hürde lag darin, eine SIM-Karte zu besorgen, um auch unterwegs und nicht nur im Hotel das Smartphone nutzen zu können. Ich ging in einen funkelnden Lichterpalast in Beijings Haupteinkaufsstraße, der zu einem großen Telekommunikationsunternehmen gehörte. Englisch sprach keiner der Verkäufer, doch als ich mein Smartphone zeigte, war recht schnell klar, was ich wollte. Ich setzte mich in einen tiefen Sessel an einem niedrigen Tisch, der Verkäufer legte ein Smartphone vor mich mit einem Übersetzungsprogramm. Er gab seine Fragen auf Chinesisch ein, ich las Sie auf Englisch und antwortete, er bekam die Antwort auf Chinesisch. Doch als ich meinen Wunsch geäußert hatte, eine SIM-Karte ohne Vertrag für ganz China und Hongkong zu kaufen, sagte er „Ohohoh!“ und „Nonono!“.

Am nächsten Ort meiner Reise, in Qingdao, hatte ich Glück: Mein Bekannter ging an einen kleinen Kiosk, verhandelte auf Chinesisch und drückte mir eine SIM-Karte in die Hand. Dann reichte er meinen Geldschein – „Hast du’s nicht kleiner? Sie haben nie Wechselgeld und mit 20 Yuan, also 2,50 Euro, kommst du weit!“ – dem Verkäufer. Der zückte ein Telefon mit Wähltasten, Hörer und Kabel, rief eine Nummer an – und voilà! Eine Stunde später konnte ich mit meinem Bekannten WhatsApp-Nachrichten tauschen.

Mit der chinesischen SIM-Karte konnte ich wunderbar von unterwegs berichten, aber auch Apples Karten und Google Maps nutzen – sehr hilfreich im Geflecht manchmal unübersichtlich enger Gassen und inmitten einer Bevölkerung, die im Regelfall kein Englisch spricht. Auch in den Hotels waren wir gut mit Internetzugang versorgt: fast überall gab es W-Lan-Zugang, manchmal langsamer, mal schneller. In Shanghai mussten wir uns täglich anders einwählen. Wir meldeten in fünf Tagen ungefähr vier Mal, dass das W-Lan nicht funktionierte. Immer kam ein Techniker, der irgendetwas an einer Dose an der Wand machte und uns schließlich ein wieder anderes W-Lan plus Zugang zuwies.

In Hongkong wurde dann alles ganz einfach. Dort hatten wir ein Smartphone auf dem Zimmer, das wir als Hotspot nutzen sollten. Außerdem bietet die Tourismusbehörde eine SIM-Karte für Urlauber für einige Tage und unter zehn Euro an. Hervorragender Service. Was aber auch in Hongkong nicht immer funktionierte: öffentliche W-Lans beispielsweise in Flughäfen oder Bahnhöfen. Hier kann es sehr sinnvoll sein, bei Boingo ein Konto zu haben beziehungsweise die Skype Wifi-App zu nutzen. Obwohl beide auch nicht immer für eine Onlineverbindung gesorgt haben.

Was ich in China gemacht habe

Natürlich habe meine Mails überprüft und die wichtigsten beantwortet, ich habe Nachrichten konsumiert – beispielsweise über Flipboard und Feedly. Ich war in den sozialen Netzwerken aktiv – und vor allem habe ich über WordPress auf meiner Seite opjueck.de von unterwegs gebloggt. Ich habe auch Videos geschnitten und zu YouTube hochgeladen sowie in WordPress eingebunden, Bilder bearbeitet, bei Instagram gepostet und fürs Blog benutzt. Hier gab es jedoch ein Problem: Die Fotos, die ich mit der Spiegelreflex gemacht habe, waren oft zu dick an Daten für die manchmal schwachen W-Lan-Verbindungen. Dann hilft, es vom Bild einen Screenshot zu machen und diesen schließlich ins Netz zu laden.

Leider ist es mir wieder nicht gelungen, Audio direkt von unterwegs ins Netz zu laden. Das lag einerseits daran, dass Soundcloud die Upload-Funktion aus der App entfernt hat. Andererseits lag es daran, dass ich die Exportfunktion in Recordium erst zuhause gefunden habe. Bei Audioboom klappte das Login nicht und Bobler blieb mir bis zum Artikel von Marcus Bösch bisher eher ein Rätsel.

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Was noch wichtig ist

Ganz, ganz wichtig übrigens, wenn man mit einem alten Smartphone unterwegs ist: Zusatzakku in der Tasche haben. Ohne Zusatzakkus gehen Chinesen nicht aus dem Haus, so scheint es mir. Kaum jemand sitzt im Restaurant, der sein Handy nicht gerade auflädt, auch in den U-Bahnen sieht man Menschen mit mehreren Zusatzakkus hantieren. Dabei gibt es an einigen Stellen durchaus Ladestationen. Das ist im Vergleich zu Deutschland sehr fortschrittlich.

P.S.: In China geht übrigens auch kaum jemand ohne Selfie-Stick aus dem Haus. Klingt erstmal albern – ist aber für den mobile reporting Einsatz sehr hilfreich.

Wer zum Thema mobile reporting mehr wissen möchte, findet auf Fit für Journalismus einen etwas älteren Artikel. Ich werde jedoch im frühen Jahr 2015 auch einen Workshop zu diesem Thema geben. Wer daran Interesse hat, kann sich gerne unter bb@wirtschaft-verstehen.de melden. Ich werde ihn dann über das Seminar auf dem Laufenden halten.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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