Tansania: Die vielen Seiten der Entwicklungshilfe

Bei der Arbeit
Bei der Arbeit

Ganz böse Zungen sagen, dass Entwicklungshelfer mehr Schaden als Nutzen anrichten. Denn wenn sie wirklich helfen würden, würden sie ihre eigenen Arbeitsplätze langfristig überflüssig machen. Nicht ganz so harsch fällt das Urteil des Süd-Sudanesen Nhial Bol aus:“Viele Entwicklungshelfer meinen, sie wüssten genau, was die armen Länder brauchen. Dabei starten sie oft Projekte, die nicht funktionieren können, weil die Mentalität und Kultur der Betroffenen außer Acht gelassen wird. Helfer sollten fragen, wie Entwicklungshilfe in Afrika helfen kann. Was nutzt es denn armen Kindern in den Usambarabergen in Tansania, wenn sie Englisch lernen? Was bringt es ihnen, wenn ein Lehrer nach drei Monaten wieder verschwindet?“

Darauf hat Roland Auer, Deutscher und ehrenamtlicher Lehrer in Yamba bei Village Africa, eine Antwort:“Die zweite Amtssprache in Tansania ist Englisch. Verträge werden im Regelfall auf Englisch aufgesetzt, Medikamentenhinweise sind auf Englisch, im Tourismus wird Englisch gesprochen. Wer in Tansania kein Englisch spricht, ist vom Wirtschaftsleben ausgeschlossen. Ausreichende Englischkenntnisse sind außerdem die Basis für den Besuch einer weiterführenden Schule. Wer sie besucht, hat Chancen auf eine qualifizierte Arbeit.“ Auch Karen Nivala, Australierin und ebenfalls ehrenamtliche Englischlehrerin teilt diese Meinung:“Einige Kinder wollen lernen und sind wirklich gut in der Schule. Für sie ist es besser, wenn ein Lehrer drei Monate da ist, als wenn er gar nicht erst käme.“

Wie sich ein Dorf in den Usambarabergen verändert

Karen ist bereits das dritte Mal in Yamba im Einsatz: „Ich sehe außerdem den Fortschritt, den die Bevölkerung hier macht. Im Vergleich zu meinem letzten Aufenthalt tragen viel mehr Leute Schuhe.“ Außerdem, so erinnert sie sich, habe es bei ihrem letzten Einsatz einige sehr kühle Tage gegeben, an denen sich drei Schulkinder in eine Bankreihe quetschten. „Ich wollte sie auf mehrere Plätze verteilen“, erzählt Karen. „Doch dann habe ich verstanden, dass sie so eng nebeneinander sitzen, weil sie frieren.“ In Village Africa kann es in den Usambarabergen Temperaturen deutlich unter 20 Grad geben, aber es gibt keine Heizungen, und die Menschen haben nur wenig warme Kleidung. Kurze Zeit nach diesem Erlebnis sei eine Ehrenamtliche gekommen, und habe den Frauen der Gemeinde Stricken beigebracht. Durch Spendengelder wurde Wolle gekauft, und für jedes Schulkind strickte man einen blauen Wollpullover, so dass heute keines mehr frieren muss.

Allerdings läuft Entwicklungspolitik und -hilfe nicht immer so gut wie in Yamba. Eine ehemalige deutsche Entwicklungshelferin sagt:“Einiges ist gut gemeint, aber was am Ende dabei herauskommt, verschlimmert die Situation nur.“ Sie erzählt von einem Dorf, in dem gebraut wurde. Um mehr brauen und die Erzeugnisse verkaufen zu können, gab es ein Entwicklungshilfeprojekt, durch das eine Brauerei aufgebaut wurde. Fazit: Die Frauen des Dorfes arbeiteten den ganzen Tag in der Fabrik, die Männer tranken viel mehr als früher und schlugen ihre Frauen häufiger als zuvor. Folge:“Es wurde ein neues Projekt aufgesetzt, mit dem gegen häusliche Gewalt vorgegangen werden sollte.“

Über Village Africa

Ein solches Negativ-Beispiel gibt es in Village Africa nicht. Die britische Nicht-Regierungsorganisation ist in den Usambarabergen in Tansania seit 2006 aktiv. In dieser Zeit wurde eine Straße angelegt, die möglichst nah an das Dorf heranführt, es wurde eine Krankenstation eingerichtet, ein Krankenwagen gekauft, Häuser werden gebaut, der Schulunterricht wurde erweitert. Trotzdem ist Village Africa noch nicht soweit, dass sich die Briten zurückziehen könnten. „Unser Ziel ist es zwar, dass das Dorf eigenständig wird, dass wir hier überflüssig werden“, sagt der Betreuer der Ehrenamtlichen, Andy. „Doch noch fürchten wir, dass es zu früh ist, dass der Entwicklungsprozess stoppen würde, oder sogar rückläufig würde.“ Und was sagt die Bevölkerung von Yamba dazu? Stella Laurent, festangestelltes Hausmädchen der Organisation, sagt mit Nachdruck: „Es ist gut, dass die Europäer hier sind. Sie helfen uns, eine Wirtschaftsstruktur aufzubauen. Die Weißen sind uns eine sehr große Hilfe.“

Wer aus der Ferne ebenfalls helfen möchte: In Yamba ist jede Spende willkommen, auch kleine Beträge helfen weiter.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

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