Ein Model Release mit Daumenabdruck

Model Release mit Unterschrift
Model Release mit Unterschrift

Wer andere Menschen fotografiert, darf deren Bilder nicht einfach ins Internet laden oder auf Produkte drucken, die anschließend verkauft werden. Darum ist es völlig richtig, dass Calvendo meinen Kalender mit Bildern aus den Usamabarbergen nicht ohne Rückfrage veröffentlicht hat. Ich habe sie gemacht, als ich dort 2012 als ehrenamtliche Reporterin gearbeitet habe. Im Kalender sind nämlich drei Bilder, auf denen Menschen erkennbar abgebildet sind: eine Frau nach dem Gottesdienst bei einer Diskussion mit Nachbarn, ein junges Mädchen im Abendlicht und ein Kind, das seine Zunge herausstreckt.

Calvendo fragte mich nach einem Model Release. Das ist eine schriftliche Bestätigung, dass ich die Bilder der Abgelichteten benutzen darf. Ich war mir sicher, dass ich das darf, weil der Erlös aus dem Verkauf der Kalender der britischen Nicht-Regierungsorganisation (NGO) Village Africa zufließt. Die NGO ist in den tansanischen Usambarabergen aktiv, genau dort, wo die drei Dorfbewohner leben. Die Frage war allerdings, wie ich an den Model Release kommen sollte, denn ich hatte weder die Namen der drei Frauen, noch kann man sie telefonisch oder per Mail erreichen. In ihrem Dorf gibt es nämlich keinen Strom.

Ich schrieb eine Mail an die Leiterin von Village Africa, Caroline, die sofort zusagte, die Model Releases zu besorgen. Damit das möglichst problemlos funktionierte, schrieb ich ihr einen Text auf Englisch vor. Sie druckte ihn auf offizielles Village-Africa-Papier. Außerdem ließ ich ihr eine digitale Voransicht des Kalenders zukommen, so dass sie die drei Dorfbewohner identifizieren konnte. Sie druckte auch die entsprechenden Kalenderblätter aus, um sie den dreien als kleines Geschenk zu überlassen. Zwar haben sie vor zwei Jahren schon die Originalfotos bekommen, allerdings in kleinerem Format.

Nun war das nächste Problem, dass die Frau beziehungsweise die alleinerziehenden Mütter der beiden Mädchen kein Englisch sprechen. Village Africa übersetzte den englischen Model Release-Text also in Kisuahili, die Sprache, die man in Yamba spricht. Da die Frauen jedoch auch nicht lesen können, musste ihnen jemand den Text vorlesen und erklären. Die nächste Herausforderung: Die fotografierte Frau und die Mütter der Mädchen können nicht schreiben. Also wählten sie den Daumenabdruck als Zeichen ihres Einverständnisses.

Titelbild Kalender
Titelbild Kalender

Caroline wollte nun die hochoffiziellen Dokumente mit Schneckenpost nach Deutschland schicken. Das hätte weitere sechs Wochen gedauert, Annahmeschluss für die Kalender für 2015 ist bei Calvendo jedoch am 30. November. Da ich die Model Releases sowieso digital zur Verfügung stellen musste, bat ich sie, sie zu fotografieren und mir einfach die Fotos zu schicken und die Originale aufzuheben. Das hat sie getan.

Ich habe die Bilder der Model Releases zu Calvendo hochgeladen und Carolines Erklärungen mitgeschickt. Danach wurde der Kalender sofort veröffentlicht. Er kann über Amazon gekauft werden – in verschiedenen Größen und zu unterschiedlichen Preisen. Aber auch über andere Anbieter.

Die Kalenderblätter im Überblick
Die Kalenderblätter im Überblick

Wer sich jetzt fragt, warum es fast drei Jahre gedauert hat, bis ich einen Kalender gemacht habe: Bald nach meiner Rückkehr habe ich über Calvendo ein Posterbuch mit Bildern angeboten. Ich dachte, das sei interessanter als ein Kalender. Ich nahm an, dass heute jeder seinen individuellen Wandkalender mit Familienbildern im Netz gestaltet und darum keinen Bedarf an meinen Reisefotos als Kalender hat. Bei einem Posterbuch, so dachte ich, könnte man sich schöne, großformatige Bilder an die Wand hängen, Erinnerungen an den Urlaub wach halten. Allerdings habe ich mich hier in der Zielgruppe getäuscht: Die Posterbücher verkauften und verkaufen sich noch immer schlecht, die ersten Kalender aus anderen Ländern gingen sofort über den digitalen Tresen, nachdem sie veröffentlicht waren. Für Village Africa hoffe ich jetzt natürlich, dass der Calvendo-Kalender zum Bestseller wird: Je mehr Kalender verkauft werden, desto höher ist die Spendensumme, die ich überweisen kann. Und damit wird Village Africa Schulen und Toiletten bauen, Seminare zu Gesundheit und Hygiene geben und unter anderem zwei Krankenschwestern bezahlen.

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