Ein Buch über Sicherheit im Internet? Nicht gerade die beliebteste Lektüre abends im Bett. Aber: Das Buch WTF?! So tickt das Netz von Tobias Schrödel, Christian Solmecke und Nora Wunderlich lässt sich erstaunlich gut lesen. Das Layout ist locker, gespickt mit Emojis wie man sie aus dem Smartphone kennt. Dank der jungen Zielgruppe des Arena-Verlags ist es auch für Erwachsene, die sich bisher nicht mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, leicht verständlich. Die Zielgruppe ist vermutlich auch der Grund dafür, warum das Buch ziemlich sofort mit dem Thema Influencer beginnt. Dieses Thema interessiert viele ältere Leser und professionelle Internetnutzer eher nicht. Anders die Trend-Themen Fake Shops und Kryptowährungen: Sie dürften derzeit vielen Leser*innen und deren Eltern im Alltag begegnen, ohne dass diese wirklich wissen, welche Gefahren, aber unter Umständen auch Chancen, damit verbunden sind.

Natürlich geht es auch um das Thema Daten. Genauer: um Metadaten. Zwar sind Chatnachrichten häufig verschlüsselt. Doch aus den Informationen, wie oft wer und wann mit wem chattet, kann man schon mehr Rückschlüsse ziehen, als vielen klar ist. Ähnlich ist es mit den so genannten EXIF-Daten in Smartphone-Bildern: Über sie lässt sich zumindest manchmal der Ort herausfinden, an dem jemand ein Bild gemacht hat. Und so kann man die Recherche immer weiter und weiter drehen –  manchmal bis auf den Namen des Fotografierenden und dessen Hobbys.

Was ich diskussionswürdig finde

Diskussionswürdig ist aus meiner Sicht im Kapitel Identitätsdiebstahl der Hinweis drauf, dass soziale Netzwerke ein Interesse daran haben sollten, Fake-Accounts NOCH schneller und konsequent zu sperren. Meine Erfahrung mit Instagram: Daran gibt es kein Interesse. Ich melde jeden Fake- und Spam-Account. Folge: Oft teilt mir Instagram mit, dass kein Verstoß gegen ihre Regeln erkennbar sei. Dabei wäre es doch so einfach, alle Profile automatisch zu sperren, die beispielsweise auf ein „Sex Video“ im Profil hinweisen. 

Ähnlich kritisch sehe ich die Aussage, dass die Anbieter von E-Mailadressen besser als früher Spam erkennen und ausfiltern. Ich bin zwar mit meinem Provider Strato sehr zufrieden. Allerdings nervt mich total, wie viel Spam der Filter dort nicht erkennt. Meine manuell angelegte Black List ist mehrere hundert Positionen lang.

Was mich wundert an WTF?! So tickt das Netz

Was mich irritiert an dem Buch, ist der Übergang von einem zu einem anderen Thema. Es gibt nämlich irgendwie keinen. Zwar ist es super, dass die Themen kurz und knapp auf den Punkt kommen. Also genau so, wie wie die Zielgruppe das aus den sozialen Medien gewohnt ist. Aber wie man beispielsweise von Fake News zu Spielsucht kommt, erschließt sich mir nicht. Hier hätte ich mir des besseren Lesefluss’ wegen Übergänge gewünscht. Ohne diese wird das Buch eher zu einem Nachschlagewerk. Aber das ist an sich nichts Schlimmes. 

Apropos Spielsucht: Ich habe mit Spielen überhaupt nichts zu tun. Finde aber sehr interessant, wie die Autoren beschreiben, wie Unternehmen Spielende bei der Stange halten. Dass sie also sehr genau überprüfen, an welchen Stellen Spielende zu schnell weiterkommen oder aussteigen. Und dass man dann das Spiel ein bisschen umprogrammiert, um die Spielenden länger zu halten. Das finde ich ziemlich krass. Mit böser Zunge könnte man also sagen, dass Spielende süchtig gemacht werden, damit Unternehmen über In-App-Verkäufe mehr Geld verdienen. Ist das moralisch vertretbar?

Was mir gefällt

Besonders gelungen an „So tickt das Netz“ finde ich übrigens die Zusammensetzung des Autorenteams: Eine Psychologin, ein Internetexperte und ein Rechtsanwalt beleuchten die sozialen Medien und das Internet von allen möglichen Seiten. Beispiel Sexting oder Cybermobbing: Die Begriffe erkären die Autoren – mit den juristischen und psychologischen Konsequenzen. Die Kombination aus diesen Informationen dürften für viele neu sein. Schließlich hat sowohl Sexting als auch Cybermobbing Konsequenzen für die Opfer, die wahrscheinlich nicht allen klar sind. So wird für Einsteiger in diese Themen auch leichter klar, warum es gesetzliche Regelungen und teils heftige Strafen auch schon für Schüler*innen gibt, die anderen Schaden zufügen.

Zukunftsthemen aus ungewöhnlichen Perspektiven beleuchtet

Sehr spannend sind die Kapitel zur Biometrie und deren Vor- und Nachteile sowie über künstliche Intelligenz. Nicht, dass ich darüber noch nicht viel gelesen hätte. Aber die Beispiele, die hier genannt werden, haben durch aus Charme. Da ist beispielsweise wieder einmal die Rede von den selbstfahrenden Autos. Nachdenklich macht in diesem Zusammenhang dieser Vergleich: Über ein Auto, das selbst fährt, und einen Unfall verursacht, wird in den Medien viel berichtet. Dass gleichzeitig im ganzen Land oder gar auf der ganzen Welt viele tausend Unfälle passieren, die von Menschen gebaut werden, ist dagegen irrelevant. Ein anderes, bedenkenswertes Beispiel ist die höchst umstrittene digitale Schnittstelle zum Gehirn: Sie ist selbstverständlich für gelähmte Menschen ausgesprochen wichtig. Denn diese könnten unter Umständen dadurch geheilt werden. 

Vorstellbar, aber noch sehr schräg, ist jedoch, dass künftig über diese Schnittstelle Kurznachrichten wie WhatsApp-Meldungen direkt ins Gehirn geschickt werden. Auf diese Art könnte der Mensch sich auch unendlich viel Wissen aneignen, in dem er sich dieses einfach ins Gehirn speisen lässt. Damit wird unter Umständen der Schulbesuch unnötig werden. Ebenso wie der Besuch einer Universität. Denn Wissen ist im Internet grenzenlos vorhanden. Allerdings muss man dann noch viel mehr als heute in der Lage sein, eine seriöse Quelle von Fake News zu unterscheiden. Und daran scheitern leider schon heute sehr viele Mitmenschen.

Fußpilz- neben Trendthemen in WTF?! So tickt das Netz

  • Mir gefällt auch , dass Begriffe wie „Internet der Dinge“ und Netzneutralität so nah beieinander stehen. Denn wenn sich Menschen für das Internet der Dinge interessieren, und dabei zufällig über staubtrockene Begriffe wie Netzneutralität stolpern, setzen Sie sich möglicherweise auch mit Themen auseinander die sie eigentlich langweilig finden. 
  • Gut ist außerdem, wie kontrovers manche Themen besprochen werden. Beispiel Darknet: Ja, dort sind viele Kriminelle aktiv und verkaufen Waffen, Kinderpornographie oder Drogen. Auf der anderen Seite ist das Darknet aber auch für Menschen sehr wichtig, die in Ländern leben, in denen es keine freie Meinungsäußerung gibt. Denn sie können dort anonym ihre Gedanken und Sorgen veröffentlichen. 
  • Ähnlich kontrovers ist die Lage bei den selbstfahrenden Autos. Sollten Sie einmal die Straßen beherrschen, wird es deutlich weniger Unfälle geben. Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Weniger Unfälle bringen aber auch Probleme mit sich: Denn die meisten Organe werden nach Autounfällen gespendet. Wer also auf ein Organ angewiesen ist, wird sich vermutlich nicht über weniger Unfälle auf den Straßen freuen. Außer, Organe werden bis dahin bereits mit dem 3D-Drucker hergestellt.
Gelesen: WTF?! So tickt das Netz
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