Virtuelle Welten: VR in Journalismus und Wirtschaft

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Beim Neujahrsempfang des Digital Hub Cologne mit Hololens. Foto: Digital Hub Cologne/Simon Hecht
Beim Neujahrsempfang des Digital Hub Cologne mit Hololens. Foto: Digital Hub Cologne/Simon Hecht

Ich stehe in einem Eisdom: Über mir, viele Meter in der Höhe, wachsen Eiszapfen aus der weiß-bläulichen Decke. Meine Aufgabe ist es, mit Pfeil und Bogen die dicken Seile zu durchtrennen, damit die daran befestigten Holzstücke Richtung eiserner Glocke schwingen und diese zum Läuten bringen. Ich träume dieses abenteuerliche Szenario nicht. Ich erlebe es, und es brennt sich in mein Gedächtnis ein: ich bin in einer virtuellen Welt, VR genannt für virtual reality. Im Anschluss an den Eisdom lande ich übrigens in einer Art Hölle, in der ich mir mit einer Fackel aus einer Schale Feuer nehmen muss, um einen Strang Dynamit zu entzünden. Nur so kann ich mir den Ausgang frei sprengen. Ich komme mir vor wie Indiana Jones. Diese virtuellen Escape Rooms erlebe ich übrigens mitten in Köln.

In den ehemaligen Carlswerken in Köln-Mühlheim hat nämlich die Firma Senselab Räume beim Digital Hub Cologne bezogen. Dort will man Start-ups und den Mittelstand zusammenbringen, will die Digitalisierung in Deutschland durch Kooperationen voranbringen. In NRW gibt es insgesamt sechs Digital Hubs, die Teil der Landesinitiative in Nordrhein-Westfalen für die digitale Wirtschaft sind. Gesellschafter des Kölner Ablegers sind die Uni, die IHK und die Stadt. Wir sind dort mit der Kölner Journalisten-Vereinigung bei einem #KJVvorOrt Termin. Christian Steiner von Senselab gibt uns einen kurzen theoretischen Überblick zu den virtuellen Welten:

  • Die ersten Headsets gab es bereits 1968, allerdings waren diese eher noch riesig und damit sehr sperrig.
  • 1985 arbeitete die NASA mit virtuellen Welten
  • 1997 das Militär
  • Seit 2016 beginnt VR ein Massenmarkt zu werden. Damals wurde nämlich die Datenbrille Oculus Rift mit Crowdfunding finanziert. Sie gehört heute zu Facebook.

VR, AR oder ganz was anderes?

Unterscheiden muss man zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der virtuellen Welten:

  • Augmented Reality ist eine Anreicherung der Realität. So kann man schon mindestens seit 2010 mit entsprechenden Apps Informationen über seine Umwelt bekommen. Damals habe ich nämlich meinen ersten Artikel zum Thema für das DJV-NRW Journal geschrieben. Die Redaktion hat ihn als PDF zum Herunterladen bereitgestellt. Es ist ganz witzig zu sehen, was sich in diesen acht Jahren so alles getan hat.
  • Dann gibt es 360-Grad-Bilder und -Videos, bei denen der Nutzer nichts weiter macht, als sich Inhalte anzusehen und dabei eventuell noch den Kopf zu drehen. CNN hat beispielsweise ein Video von einem Grab in Luxor im Netz, durch das man auch mit der Maus navigieren kann. Wie schnell übrigens ein 360-Grad-Foto gemacht ist, probieren wir selbst mit der entsprechenden Kamera aus. Es dauert nur Sekunden, bis die vielen Bilder aneinander angepasst sind, und den Schein erwecken, dass wir ein Rundum-Foto gemacht haben.

    360-Grad-Foto mit Senselab im Digital Hub Cologne gemacht

    360-Grad-Foto mit Senselab im Digital Hub Cologne gemacht

    Hochkantvideo? Ja, ist Teil meiner Instastory gewesen – folgt mir dort, um immer auf dem Laufenden zu sein.

  • Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, im virtuellen Raum selbst zu agieren. Das mache ich im Eisdom und in der Hölle zum ersten Mal. Und ich bin begeistert.

VR gestern und heute

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich das erste Mal eine VR-Brille aufgesetzt hatte. Das war auf der IFA in Berlin, und zwar 2014. Damals sollte ich in New York auf einer schmalen Planke weit oben in der Höhe von einem Haus zu einem anderen gehen, unter mir eine vielbefahrene Autostraße. Es war absurd: Obwohl ich genau gesehen hatte, dass das Brett ungefähr einen Meter breit war und auf dem Boden lag, glaubte mein Kopf die Szene, die mir über die Brille vorgetäuscht wurde. Und das, obwohl die Computergrafik damals noch lange nicht so gut war, wie sie das heute ist. Da ich ein bisschen Höhenangst habe, kam ich mit klopfendem Herzen auf der virtuellen anderen Straßenseite an, zurück wollte ich darum nicht mehr gehen. Mein zweiter VR-Versuch brachte mich im Schnelldurchlauf in der First Class der Lufthansa von Frankfurt nach San Francisco: Auf der ITB stieg ich in den virtuellen Flieger, und schließlich saß ich am Ufer der Bucht von San Francisco und betrachtet die Golden Gate Bridge, während ich das Wasser plätschern hörte.

Mit VR durch Zeit und Raum

Im März 2018 schließlich fuhr ich in der Straßenbahn zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts durch Köln: TimeRide bietet am Alter Markt eine Möglichkeit zur virtuellen Stadtrundfahrt – und ich finde das ganz großartig. Zuletzt hatte ich eine VR-Brille auf der #rp18 auf: Mitten auf dem Republica-Gelände in Berlin hatte die UNHCR, das Flüchtlingskommissariat der UN, ein Zelt aufgebaut. Dort saß ich auf einer Matte auf dem Boden, und ich wurde ins Flüchtlingscamp nach Jordanien gebeamt. Das interessierte mich natürlich nach meinen Erfahrungen im Flüchtlingscamp Kakuma sehr. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass das Erlebnis so realistisch sein würde:

Mir gegenüber saß auf Augenhöhe eine junge Frau, fast noch ein Kind. Ich war gewillt, mich ihr vorzustellen, weil wir so nah beieinander saßen. Sie stellte mir ihr Leben im Camp vor, nahm mich mit in ihre Wohnung und zu ihrer Familie, zeigte mir, wie in der Bäckerei Teigfladen gebacken werden, lief mit mir über die Straße, und andere junge geflüchtete Menschen wollten mich abklatschen, grüßten mich, lächelten mir zu. Schließlich waren wir in einem Internetcafé, bei einem Gespräch von jungen Menschen, die Späßchen machten. Und ich war mitten drin. Auch wenn ich dort nicht wie bei Senselab mit den Händen aktiv werden konnte, war ich trotzdem begeistert. Die Qualität des Films war sehr realistisch, und das Storytelling dahinter funktionierte. Tatsächlich war dieser Ausflug nach Jordanien mein Republica-Highlight.

VR beim Mediencamp Rheinland-Pfalz

Beim Mediencamp Rheinland-Pfalz, das der DJV Rheinland-Pfalz im Oktober 2017 erstmals veranstaltet hat, waren auch Kollegen des ZDF, die Einblick gaben, wie viel virtuelle Realität schon im Journalismus stattfindet. Ihr Tipp: Für einige wenige Euro ein Cardboard kaufen, das Smartphone einklemmen, und eine der einschlägigen Apps installieren. So lassen sich zumindest erste Erfahrungen sammeln. Allerdings – das ist mein Tipp – sollte man darauf achten, damit nicht im Dachgeschoss unterwegs zu sein, denn Dachschrägen können schmerzhaft werden.

Einsteigern zum Thema VR im Journalismus empfiehlt Ralph Benz vom ZDF diese Anlaufstellen im Netz:
Within
BBC
NYT
USA today
Terra X
Immersive Journalism mit Nonny de la Pena

AR, VR und Mixed Reality bei der #SMWHH

Wo die physische und die virtuelle Welt aufeinanderprallen, sprechen wir von Mixed Reality. Michael Zawrel erklärte das mithilfe der Hololens bei der Social Media Week in Hamburg: Bei der Augmented Reality werden digitale Elemente in die echte Welt eingeblendet, bei der virtuellen Welt sind physikalische Möglichkeiten im Digitalen möglich, also beispielsweise das Drehen des Kopfes oder eben das Agieren im virtuellen Raum. Und Mixed Reality kombiniert all das.

Die Beispiele, die Zawrel mitgebracht hatte, waren begeisternd: Kaffeeautomaten in den Zügen der Deutschen Bahn, die so schneller repariert werden können. Oder der Einbau eines Treppenlifts, der auf Knopfdruck vermessen, und in Echtzeit berechnet wird und den künftigen Besitzern sofort mittels entsprechender Technik gezeigt werden kann. Das spart die Firma mehrere Tage Arbeit. Sie können also Kunden früher bedienen, was eine größere Zufriedenheit mit sich bringt. Die Rechnung kann schneller geschrieben werden, das Geld kommt eher aufs Konto, es lassen sich mehr Aufträge in kürzerer Zeit umsetzen – und ein Bild sagt sowieso mehr als tausend Worte: Die Technik überzeugt Kunden leichter, wenn sie sehen, wie der Lift tatsächlich in ihrem Haus aussehen wird.

Auch Siemens arbeitet mit virtueller Realität: Peter Schopf hat eine Anwendung entwickelt, mit der Mitarbeiter dank der entsprechenden Technik über weite Entfernungen miteinander kommunizieren können, visuell – und mit der Möglichkeit, sich gegenseitig Notizen zuzuspielen, beziehungsweise via Speech-to-Text-Software miteinander zu kommunizieren. Der Text ist auf Englisch verfügbar.

Zum Weiterlesen und -hören

Podcast VRODO.de
Erster Deutscher Fachverband für Virtual Reality (edfvr.org)
Der Kölner Dom wie Ihr ihn noch nie erlebt habt – WDR
Google Spotlight Stories
Tunnel AR App von Fanta 4 für iPhone
SZ VR
The Guardian – Texte zum Thema
Standalone VR-Headsets: Virtual Reality für alle
Augmented und Mixed Reality: Beispiele, Anwendungen, Potenziale
Über 20 Beispiele für das Potenzial von Virtual Reality – jenseits von Spielen
3D-Drucker und VR in der Stadtbücherei in Köln

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