Einbeck: Mit Sch(l)aufenstern gegen den Leerstand

Sch(l)aufenster
Sch(l)aufenster

Eigentlich dachte er, seine Aufgabe sei nach einem halben Jahr erfüllt. Doch Hans-Jürgen Kettler ist jetzt seit über eineinhalb Jahren Vorsitzender der Bürgerinitiative Sch(l)aufenster im niedersächsischen Einbeck. Sein Ziel: leerstehende Schaufenster mit Leben füllen. Die Anregung dazu kam vom Vorsitzenden der Kulturstiftung Kornhaus, Karl-Heinz Rehkopf. Die Kulturstiftung Kornhaus ist auch als PS Speicher bekannt: Wo früher bis zu 1500 Tonnen Getreide lagern konnten, stehen heute rund 300 Motorräder und Autos.

Rehkopf und die Mitglieder der heutigen Bürgerinitiative störten sich an den vielen leeren Schaufenstern in den schönen Fachwerkhäusern der Stadt: Entweder waren die Eigentümer, die dort Läden hatten, zu alt geworden, oder die dort angesiedelte Dienstleistung lohnte sich nicht. Egal, was der Grund für die Ladenschließung war: In Einbeck waren viele traurige, leere Schaufenster. „Ein Gräuel“, sagt Hans-Jürgern Kettler, und zwar für die Besucher und die Einwohner.

Um das zu ändern nahm die Bürgerinitiative Kontakt zu den Eigentümern auf: Dürfte man die Schaufenster wohl nutzen, um dort Vereine zu präsentieren, zu werben, Wissen zu vermitteln? Viele stimmten zu. Auf der Internetseite der Bürgerinitiative kann man genau sehen, wie viel Leerstand es noch gibt, wie viele Lokale wieder Läden sind, wie viele Fenster Schlaufenster wurden – und wie viele leider leer geblieben sind. „Wir haben in der Zwischenzeit 40 Schaufenster belebt“, sagt Kettler. Von sieben weiteren Eigentümern habe man die Erlaubnis, ein Schlaufenster einzurichten, aber noch keine passende Verwendung. Ein besonderes Ärgernis sind ihm die verbleibenden 18 Schwarzfenster: „Wir kommen nicht an die Eigentümer heran“, sagt er. Die Besitzer seien Immobiliengesellschaften, denen es egal sei, welchen Eindruck ihr leerstehendes Ladenlokal auf die Passanten mache und welche Konsequenzen es für die ganze Stadt habe. Selbst auf Briefe der Bürgermeisterin meldeten sich diese Immobiliengesellschaften einfach nicht zurück.

Mehr als nur Augenwischerei

„Uns ist bewusst, dass wir mit den Sch(l)aufenstern nur den Leerstand kaschieren“, sagt Hans-Jürgen Kettler. Ziel müsse es sein, dass dort wieder Wirtschaft betrieben wird. Tatsächlich gäbe es auch einige Neugründungen, beispielsweise sei eine Versicherung dort mit einem Regionalbüro eingezogen. Allerdings, so Kettler, schlößen auch viele der Neugründungen nach einem halben Jahr wieder, weil sich ihr Angebot nicht rechne. „Aber es ist auch nicht unsere Aufgabe, Mieter zu finden“, sagt Kettler. Darum müsse sich die Stadt Einbeck mit ihrer Leerstandsverwaltung oder Einbeck Marketing kümmern. „Wir lindern nur das Problem.“

Das Sch(l)aufensterkonzept kommt auf jeden Fall gut an – in der eigenen Stadt und auch in anderen Orten, die vom demographischen Wandel betroffen sind: Hans-Jürgen Kettler wurde schon mehrmals eingeladen, in anderen Städten Vorträge zur Einbeck-Initiative zu halten. Natürlich schaue man sich auch selbst um, wie andere Städte mit der Situation umgehen. Besonders gut gefällt Kettler, was man in Badmünster Eifel unternommen hat: Dort wurde die Innenstadt zum Outlet. „Das bringt mehr, als wenn man auf der grünen Wiese und außerhalb der Innenstadt ein Einkaufszentrum errichtet“, sagt Kettler. Denn dann käme niemand mehr ins Zentrum. Was im Falle von Einbeck wirklich besonders schade wäre, denn die Fachwerkhäuser dort sind eine Wucht.

Mit Kultur und Tourismus gegen den demographischen Wandel

Neben der Initiative Sch(l)aufenster gibt es in Einbeck noch andere Ideen, um die Innenstadt zu beleben: So zieht beispielsweise der PS Speicher mit seiner Ausstellung Gäste an. Im ersten Jahr waren es immerhin 75.000 Besucher. Um sie ins Zentrum zu bringen, ist die Eintrittskarte zur Kraftfahrzeugausstellung gleichzeitig die Einlassberechtigung fürs Stadtmuseum und die Radausstellung. Und auf dem kurzen Weg vom PS Speicher in die Innenstadt gibt es immer wieder Erklärschilder zur Geschichte der Stadt sowie einen so genannten Bierpfad, der zu den wichtigsten Attraktionen führt. Außerdem wird neben dem PS Speicher gerade ein Hotel gebaut. „Wir stehen dem ausgesprochen positiv gegenüber“, sagt Hans-Jürgen Kettler. „Erstens zieht das noch mehr Besucher an, die zweitens länger in der Stadt bleiben. Und drittens haben wir in Einbeck kein Hotel mit dieser Kapazität und dieser Struktur“. Darum freue er sich schon auf die Eröffnung im Spätherbst.

Doch bis es soweit ist, wird noch etwas anderes passieren, was Kettler erfreut: Am 20. September kommt ein Konvoi aus 40 historischen Nutzfahrzeugen nach Einbeck, denn der PS Speicher hat das Nutzfahrzeugmuseum Sittensen übernommen. „Nutzfahrzeuge ziehen nochmals eine andere Klientel an“, sagt Hans-Jürgen Kettler. „Somit wird unsere Stadt für den Tourismus attraktiver werden. Ein Schritt in die richtige Richtung“.

BettinaBlass

Wirtschaftsjournalistin, Dozentin für Internetthmen und Buchautorin.

4 Gedanken zu „Einbeck: Mit Sch(l)aufenstern gegen den Leerstand

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